Patriotismus und Landesverrat: Dichter, Singer, Fahnenschwinger

 

Es war Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha unter dessen Herrschaft und Organisation Coburg um 1860 das Zentrum der in Vereinen organisierten deutschen Nationalbewegung wurde. Unter Ernsts Protektorat wurden im Juli 1860 in Coburg das Erste Deutsche Turn- und Jugendfest veranstaltet, womit er die Ausbreitung der bislang von Regierungsseite unterdrückten Turnbewegung ermöglichte, sowie im September die Erste Generalversammlung des unter seiner geistigen Gönnerschaft 1859 gegründeten Deutschen Nationalvereins. 1861 wurden in Gotha das 1. Deutsche Schützenfest durchgeführt und der Deutsche Schützenbund gegründet sowie 1862 in Coburg der Deutsche Sängerbund. Dem Deutschen Sängerfest gab er 1860 Raum zur freien Entfaltung. Sein Engagement für die Veranstaltungen der Gesang-, Turn- und Schützenvereine trug ihm den Spottnamen „Turner- und Schützenkönig“ ein.

 

Seine intensiven Bemühungen um eine bundesstaatliche Einheit der deutschen Länder unter preußischer Führung wurden von König Wilhelm I. betont: Unmittelbar vor der Annahme des Kaisertitels im Spiegelsaal von Versailles zollte er Ernst II. vor allen anderen deutschen Fürsten öffentlich Anerkennung: „Ich vergesse nicht, daß ich die Hauptsache des heutigen Tages Deinen Bestrebungen mit zu danken habe.“ Das Bürgertum wurde bei seiner bürgerlichen Revolution, die zu den großen Nationalstaaten führte, erfolgreich von den alten Oligarchen geleitet, die dabei den ihnen lästigen kleinen Adel deklassieren konnten. Wer mein Werk über Karl Marx gelesen hat, kennt die Verbindung von Ernst II. mit Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha und dessen Agenten David Urquart sowie Karl Marx, von dem Kaiser Napoleon III. besonders geschmäht wurde.

 

Mit der Gründung der Nationalstaaten sollte jedoch nicht das Bürgertum die politische Macht erhalten, darum war es dringend, gegen den nach Freiheit strebenden bürgerlichen Geist etwas zu unternehmen. Das war die Aufgabe der Neugotik für die Architektur, sowie der Romantik, mit Schiller und Goethe für Bühne und Literatur und Richard Wagner für die Opernhäuser. Namen wie die der angeblichen Nibelungen passten dazu und wer Bescheid wusste, lächelte darüber. Selbstredend war auch das Nibelungenlied eine Fälschung, ein Johann Jakob Bodmer hatte in der Mitte des 18. Jahrhunderts für die "Wiederentdeckung" einiger (von ihm selber gefälschter) Handschriften durch seine Mitarbeiter in dafür geeigneten Bibliotheken gesorgt, wie das halt bei allen alten Schriften so üblich war.

 

Die Vernebelung des bürgerlichen Geistes

Das Bild rechts ist Der Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich und zeigt ganz witzig den im Nebel herumirrenden Geist der braven Bürger im Zeitalter der sogenannten Romantik. Die Romantik kam aber nicht von selber über das Bürgertum, sondern war ein gezieltes Fabrikat der Oligarchen zur Verwirrung des Verstandes der Bürger, wie der Marxismus zur Sabotage der Arbeiterbewegung.

 

In den jeweiligen Staaten haben nicht nur die eigenen Oligarchen an der Verwirrung des bürgerlichen Geistes mitgewirkt, sondern auch und manchmal vor allem die Agenten der Feinde aus den anderen Staaten. Die Sabotage der Arbeiterbewegung durch Marx habe ich beschrieben, über die Einflüsse der Oligarchie auf das Bürgertum will ich hier ein vergleichbar grundlegendes Werk präsentieren. 

 

Um einen Staat und sein Volk zu schwächen, sollte mit einem Haufen Geld und Agenten zuallererst auf seine Patrioten Einfluss genommen werden. Die Bürger müssen davon abgebracht werden, sich über echte Wissenschaft wie Physik und Chemie, gar um Geschützbau, Fliegerei, Schiffs- und Fahrzeugtechnik, oder um Wirtschaft, Kreditwesen, Recht, Landwirtschaft, Handel und Eigentum Gedanken zu machen und zu kommunizieren. Statt technischer Universitäten, Labore, Versuchsanstalten sollen Theater und Opernhäuser errichtet werden, in der Presse sind nicht die großen Erfindungen und die neuesten Technologie zu diskutieren und zu preisen, sondern die neuesten Romane, Gedichte, Gemälde, Theaterstücke, Konzerte und Opern und deren angeblich geniale Schöpfer. Die Kinder sollen in den Schulen Gedichte lernen und nicht wie die Kreditschöpfung Konjunktur und Wohlstand steuert.

 

Nachhaltiger als mit Bombern und Geschützen kann ein Land mit seinen Schriftstellern, Dichtern, Bänkelsängern, Komponisten, Malern, Schauspielern, Zeitungsschmierern und vor allem den patriotischen Vereinigungen, von den Studenten bis zu den Alten, mit Verbindungen und Parteien, zerstört werden. Genau so ist es geschehen. Wie bei der Arbeiterbewegung, die von den Regierungen, Bankiers und Großindustriellen mit Marx und Engels und deren Blödsinn von Kommunismus und der Diktatur des Proletariats sabotiert wurde, so kamen auch die Patrioten in Deutschland völlig unter die Kontrolle der Feinde von Staat und Volk.

Seitdem haben die Patrioten Goethe und Schiller im Kopf und Richard Wagner in ihren Ohren, wir sehen sie beschäftigt mit Dichten und Fahnenschwingen, mit Gesängen und großen Reden, mit Befehl und Gehorsam, mit dem Marschieren im Gleichschritt, dem Glauben an Christus und Fürst Bismarck, Staat, Regierung und Kirche. 

 

Die Feinde kennen sie gar nicht, wissen buchstäblich nichts von ihnen, wie gerade Land und Volk zugrunde gerichtet werden, während sie wieder gedankenschwere Debatten über Goethe und Schiller bis Ernst Jünger und Armin Mohler in ihren vaterländischen Akademien und Versammlungen austragen. Dass längst sie selber die größten Schädlinge und Werkzeuge ihrer Feinde geworden sind, kommt ihnen nie in den Sinn, wie den marxistischen Schwätzern der Arbeiterbewegung.

 

Neugotik auf den Hügeln und Wagneropern in den Herzen

Schloss Hohenzollern, Wiki: Foto von A. Kniesel
Schloss Hohenzollern, Wiki: Foto von A. Kniesel

Die Neugotik wird leicht missverstanden, weil die gotischen Kathedralen ja von zeitloser Schönheit und Wirkung sind. Ganz anders also als die ebenfalls im Stil der Neugotik geschaffenen Schlösser des 19.Jahrhunderts, die auf Bergspitzen liegend großartige Festungen im Stil der alten Ritterszeiten darstellen sollen. Es war nicht nur der schwule Bayernkönig Ludwig II. mit Neuschwanstein, den man vielleicht noch für geistig entrückt und völlig versponnen halten könnte, sondern war Teil einer ganz großen und weltweiten Inszenierung: Die Neugotik zählt zu den frühesten stilistischen Unterarten des Historismus, der auf Kunst- und Architekturstile der vorausgegangenen zwei Jahrtausende zurückgriff. Dieser Historismus wurde zwar von den Bürgern begierig aufgenommen, war aber gegen den Fortschritt gerichtet.

 

Das Schloss Hohenzollern (1850 fand die Grundsteinlegung statt) wurde am 3. Oktober 1867 unter König Wilhelm I. von Preußen vollendet und eingeweiht. Finanziert wurde der Bau gemeinsam von der brandenburgisch-preußischen und den fürstlich-schwäbischen Linien der Hohenzollern. Es war ganz sicher nicht nur eine Spinnerei der jeweiligen Fürsten, es war vielmehr ein politisches Projekt gegen den Einfluss des Bürgertums. Doch der Bau mittelalterlicher Schlösser allein wäre zu wenig gewesen. Es brauchte dazu auch die entsprechenden Romane, die in England etwa ein Walter Scott mit seinem Ivanhoe (1820) schrieb, und die für solche Schlösserburgen passenden Opern, die in Deutschland vor allem Richard Wagner komponieren sollte. 

 

So war dafür gesorgt, dass der Geist des kulturbeflissenen Bürgertums in die Zeiten der alten Könige, Prinzessinnen und furchtlosen Rittersleut zurück sank, Bänkelsänger wie in Richard Wagners Tannhäuser die Bürgerweiber begeisterten, aber an politischen Fortschritt gar nicht mehr zu denken war. Die patriotischen Bürger sahen sich alle wie in den Bayreuther Opern als ritterliche Helden mit Spießen, Schwert und Schild im Bärenfell durch den deutschen Wald rennen und auf die christliche Erlösung durch einen Parcival hoffen oder wie Goethes Faust durch einen Engel vom Himmel.

 

Ja, es begann schon mit Goethe und Schiller, die nicht umsonst dem deutschen Volk ins Herz gepredigt wurden von allen Mietmäulern und Soldfedern bis heute.

 

Das Bayreuther Festspielhaus

 

Im April 1870 besuchten Richard Wagner und Cosima Bayreuth, dessen Lage nahe Nürnberg, Coburg, Weimar, Jena und Marienbad sowie zwischen München und Berlin, Frankfurt und Prag zur bevorstehenden Reichsgründung genial gewählt war. Im Januar 1874 bewilligte Ludwig II. 100.000 Taler und kurz darauf begannen die Bauarbeiten für das Theater nach Plänen des berühmten Architekten Gottfried Semper.

 

Die Einweihung fand am 13. August 1876 statt. Bei diesem einzigartigen musikalischen wie politischen Ereignis waren Kaiser Wilhelm, Dom Pedro II. von Brasilien, König Ludwig II. von Bayern neben vielen anderen Vertretern alter Adelsfamilien ebenso anwesend, wie der Philosoph Friedrich Nietzsche und bekannte Komponisten wie Anton Bruckner, Edvard Grieg, Pjotr Tschaikowsky, Franz Liszt und der junge Arthur Foote.

 

Finanziell war das Festival jedoch eine Katastrophe, sowas war mit Eintrittsgeldern nicht zu finanzieren und brauchte schon andere Sponsoren als die Liebhaber von Opern. Wagner gab seinen ursprünglichen Plan auf, im folgenden Jahr ein zweites Festival zu veranstalten, und reiste nach London, um eine Reihe von Konzerten zu leiten, um das Defizit auszugleichen, heißt es. Wir dürfen lachen, denn mit den Gagen als Konzertleiter war Bayreuth noch weniger zu finanzieren. Das benötigte Geld hätte aber vom englischen Königshaus oder Bankiers aus London kommen können, denn London war damals das Zentrum der Finanzwelt. Worum ging es?

 

Der Ring des Nibelungen propagierte angebliche nordische Sagen und das gerade erfundene Nibelungenlied. Angeblich wäre das Gedicht in seinen verschiedenen schriftlichen Formen seit Ende des 16. Jahrhunderts verloren gegangen, aber Manuskripte aus dem 13. Jahrhundert seien im 18. Jahrhundert wieder entdeckt worden.

 

Die angeblich aus dem 13. Jahrhundert stammenden Handschriften wurden sicher im 18. Jahrhundert gefälscht, sie passten zu genau in den gerade aktuellen Zeitgeist, als dass sie Jahrhunderte früher entstanden sein konnten. Wie man sie benötigte, wurden sie plötzlich in alten Bibliotheken gefunden. Nun galt es, die Bürger für diese erfundenen Geschichten über die alten Germanen im gerade erst 1871 gegründeten Deutschen Reich zu begeistern. Damals war die Oper das, was Hollywood heute ist, Bayreuth wurde das deutsche Hollywood, der Tempel der Anbetung der alten Germanen, ihrer heidnischen Götter und Ort für die Heilige Messe ihres Untergangs.

 

Die Er-findung der Nibelungenhandschrift

Johann Jakob Bodmer, 1781, Gemälde von Anton Graff
Johann Jakob Bodmer, 1781, Gemälde von Anton Graff

Geboren 1698 in der Nähe von Zürich, zunächst Theologiestudium, dann kaufmännische Laufbahn. 1725 wurde Johann Jakob Bodmer als Professor für helvetische Geschichte an die Akademie Carolinum in Zürich berufen, eine Professur, die er ein halbes Jahrhundert lang innehatte. Die angebliche Wiederentdeckung der mittelhochdeutschen Dichtung, also ihre Erfindung, ist sein Werk. Er starb 1783 in Zürich.

 

Es wird behauptet, Bodmer habe Jacob Hermann Obereit, den eigentlichen Entdecker der Nibelungenhandschrift in der Hohenemser Schlossbibliothek, um diese Ehre gebracht. Aber das von Obereit angeblich gefundene Buch war natürlich nur eine Fälschung von Bodmer und die Ehre dafür gebührt allein ihm.

 

Wikipedia: Am 29. Juni 1755 besuchte Obereit die Schlossbibliothek der Reichsgrafen von Hohenems und stieß auf die heute in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe aufbewahrte Nibelungenhandschrift C. In einem Brief an seinen Freund Johann Jakob Bodmer berichtete er von dem Fund:

Eben gestern habe ich unvermutete Gelegenheit bekommen, eine kurze Reise ins vorarlbergische Hohen-Ems zu machen, woselbst heute unter anderem die Bibliothek in Augenschein genommen, und so glücklich gewesen, daß ich fast unter den ersten Büchern, so in die Hände bekommen, zwei alte eingebundene pergamentene Codices von altschwäbischen Gedichten gefunden, darvon der einte sehr schön deutlich geschrieben, einen mittelmäßig dicken Quartband ausmacht, und ein aneinanderhängend weitläuftig Heldengedichte zu enthalten scheint, von der burgondischen Königin oder Princessin Chriemhild, der Titel aber ist Adventure von den Gibelungen...

Der zweite genannte Band enthielt das von Rudolf von Ems verfasste Barlaam und Josaphat. Bodmer jedoch verbreitete die Nachricht, dass nicht Obereit, sondern der Oberamtmann Franz Josef von Wocher diese Handschrift entdeckt hätte. Erst 130 Jahre später gelang es Johannes Crueger nach Sichtung von Bodmers Nachlass, diese Unwahrheit richtigzustellen. Ein Grund für diese Lüge war möglicherweise die Selbstsucht Bodmers.

 

Ja, ein kurzer Blick in die fremde Bibliothek genügte, um das mitgebrachte Manuskript des Nibelungenliedes sofort zu entdecken. Das selbe Spiel mit anderen Manuskripten, denn sie brauchen mehrere Manuskripte, um sie glaubwürdig zu machen.

 

Wikipedia: Allerdings entdeckte von Wocher auf Veranlassung Bodmers am 9. September 1779 die Hohenems-Münchener Handschrift A. Er sandte den Band an Bodmer und berichtete dazu am 10. September:

...ich traf den ganzen beträchtlychen, nun bey nahe vermoderten Büchervorrath in zerschiedenen Haufen auf einander liegend an, und nach langem Durchwühlen glückte es mir endlich, das alte Gedicht: Das Liet der Nibelungen zu finden...

 

Die Handschrift B ist nach St. Gallen benannt. Die epische Sammlung stammt aus dem Nachlass des Schweizer Historikers und Staatsmannes Aegidius Tschudi und befindet sich seit 1768 im Besitz der Stiftsbibliothek. Johann Jakob Bodmer dürfte sie für den Nachlass von Tschudi er/gefunden haben.

 

Es ist eine alte Tradition, die wir bereits von der Entdeckung der alten Bibelhandschriften kennen.

 

Ich zitiere aus Wikipedia zum Codex Sinaiticus:

 

Der deutsche Theologe Konstantin von Tischendorf machte sich im Mai 1844 zu einem der ältesten noch bestehenden Klöster der Welt auf, zum Katharinenkloster auf der Sinai-Halbinsel, um dort nach alten Handschriften zu suchen. Die Mönche waren gastfreundlich, doch über die Bestände in der Bibliothek konnte keiner der Brüder genaue Auskunft geben. So machte sich Tischendorf selbst an die Arbeit und untersuchte die Bestände der Bibliothek, wo er 129 großformatige Pergamentblätter entdeckte. Die Art der Übersetzung und die Buchstabenformen ließen eine Datierung auf die Mitte des 4. Jahrhunderts zu. 43 Blätter dieser Handschrift durfte der deutsche Gelehrte gemäß seinem eigenen veröffentlichten Bericht – keine andere Aufzeichnung darüber ist bisher bekannt – nach Leipzig mitnehmen, wo er diese 1846 zu Ehren des Unterstützers seiner Reise, des Königs Friedrich August II. von Sachsen unter dem Titel 'Codex Frederico-Augustanus’ veröffentlichte. Sie werden bis heute in der dortigen Universitätsbibliothek aufbewahrt.

 

Den Fundort dieser alten Handschrift gab Tischendorf aber nicht preis, sondern beschrieb ihn vage als „von einem Kloster im Orient“, da er hoffte, die restlichen 86 Blätter noch erwerben zu können.

 

Es ist alles nur zum Lachen.

 

Siegfried trinkt Fafners Blut
Siegfried trinkt Fafners Blut

In seinem wichtigen Buch The Rise of English Culture beschrieb Edwin Johnson, wie die alten Schriften zuerst erfunden und dann in Klöstern und Bibliotheken gefunden wurden. Johnson übersetzte auch The Prolegomena of Jean Hardouin des Jesuiten Jean Hardouin, Bibliothekar des Lycée Louis-le-Grand im Jahr 1683, der von den kirchlichen Behörden zur Aufsicht über das Conciliorum collectio regia maxima (1715) ernannt wurde.

 

Eine wichtige Quelle für Edwin Johnson in Bezug auf die Literatur und andere schriftliche Quellen, die in den Klöstern und anderswo verfügbar waren, war John Leland. Dieser John Leland durchstreifte von 1533 bis 1539 Englands Klöster, Kirchen, Schulen, Burgen, Städte und Dörfer auf der Suche nach berühmten alten Schriften. Er fand fast nichts. Seinen erst 1709 veröffentlichten Bericht können Sie hier nachlesen: Commentarii de scriptoribus Britannicis

 

Das Werk eines anderen Autors – Arbuthnot: „The Mysteries of Chronology“ – geht nicht ganz so weit wie Edwin Johnson: F. F. Arbuthnot: The Mysteries of Chronology

 

Die ersten erfundenen Geschichten waren sehr schrecklich zu lesen und fanden beim Publikum wenig Anklang. Hierfür ein Beispiel:

 

Als Gunnarr und Högni an Atlis Hof ankommen, treffen sie Guðrún, der ihnen sagt, dass sie nicht hätten kommen sollen. Gunnarr wird von Atlis Männern ergriffen, während Högni kämpft und acht Männer tötet, bevor er unterworfen wird. Die Hunnen fragen Gunnar, ob er sein Leben erkaufen will, indem er ihnen sagt, wo er sein Gold versteckt hat. Er sagt ihnen, dass er Högnis Herz sehen möchte. Sie schneiden zuerst das Herz eines feigen Mannes namens Hjalli heraus und bringen es zu Gunnarr, aber er sieht am feigen Zittern des Herzens, wer sein Besitzer war. Dann schneiden sie Högni das Herz heraus und er stirbt lachend. Gunnarr erkennt das Herz seines tapferen Bruders, sagt den Hunnen aber, dass er nun, da er allein den Ort des Goldes kennt, sicher sein kann, dass es niemals preisgegeben wird. Die Hunnen werfen ihn dann in eine Schlangengrube, wo er beim Spielen einer Harfe stirbt.

Guðrún bereitet ein Bankett für Atli und seinen Hof vor. Als das Fest weit fortgeschritten ist, sagt sie Atli, dass er tatsächlich das Fleisch ihrer beiden Söhne isst. Guðrún tötet später den unaufmerksamen Atli in seinem Bett, lässt die Hunde los und weckt die bestochenen Housecarls. Guðrún wirft einen brennenden Zweig in die Halle und schließlich wird Atlis gesamtes Anwesen in Brand gesteckt. Alle Menschen in der Halle, Atlis Tempel, der "Wohnstätte der Buthlungen" sowie Schildmaiden werden vom Feuer verzehrt. (Atlakvida)

 

Am 22. Februar 1784 schrieb Friedrich der Große über eine Sammlung mittelalterlicher deutscher Sagen, dass sie keinen Schuss Pulver wert seien und er solch elendes Zeug in seiner Bibliothek nicht dulden würde:

 

Hochgelahrter, lieber Getreuer!

Ihr urtheilt viel zu vorteilhafft von denen Gedichten aus dem 12., 13. und 14. Seculo, deren Druck Ihr befördert habet, und zur Bereicherung der Teutschen Sprache so brauchbar haltet. Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuss Pulver werth; und verdienten nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden. In meiner Bücher-Sammlung wenigstens würde Ich dergleichen elendes Zeug nicht dulten; sondern herausschmeißen. Das Mir davon eingesandte Exemplar mag dahero sein Schicksal in der dortigen großen Bibliothek abwarten. Viele Nachfrage verspricht aber solchem nicht,

Euer sonst gnädiger König Frch.

 

Die nordischen Sagen mussten überarbeitet und in alten Bibliotheken wiedergefunden werden. Weil das allein nicht reichte, brauchte es Richard Wagner und Bayreuth, bis sich nach dem vernichtenden Urteil Friedrichs des Großen ein deutscher Kaiser und der Adel für die alten Germanen begeisterten.

 

Richard Wagner

Richard Wagner

Fotografiert von Franz Hanfstaengl, 1871

 

Irgendwo müssen wir anfangen, warum nicht beim Fotografen Franz Hanfstaengl. Es sind immer dieselben Namen aus denselben Familien. Er war Hoffotograf und porträtierte berühmte Persönlichkeiten, darunter König Ludwig II. von Bayern, Otto von Bismarck und Kaiserin Elisabeth von Österreich. Er gewann eine Goldmedaille für die Ausstellung retuschierter Fotografien auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1855. Als Erfinder der Negativretusche wurde er zum Pionier für gefälschte Fotos unserer historischen Quellen.

 

Sein Sohn Edgar Hanfstaengl hatte ab 1866 ein Liebesverhältnis mit der Verlobten des schwulen Ludwig II., Förderer Richard Wagners. Prinzessin Sophie Charlotte war die Tochter von Herzog Max Joseph in Bayern und Herzogin Ludovika, geborene Prinzessin von Bayern; ihre älteren Schwestern waren die spätere Kaiserin Elisabeth von Österreich und die letzte Königin von Neapel-Sizilien, Marie in Bayern.

 

1882 heiratete Franz Hanfstaengl die in Berlin geborene Katharina Wilhelmina Heine (1859–1945), Tochter von Wilhelm Heine, Oberstleutnant der Unionsarmee der Vereinigten Staaten, und Katharine Whetten Sedgwick. Eines ihrer Kinder war Ernst Franz Sedgwick Hanfstaengl (genannt „Putzi“), Finanzier und Freund Hitlers in den 1920er Jahren, Auslandspressesprecher der NSDAP in den 1930er Jahren, zuletzt Mitarbeiter von Franklin D. Roosevelt.

 

Nach dem Abitur in München zog „Putzi“ in die Vereinigten Staaten, wo er bis 1909 an der Harvard University studierte. Zu seinen Kommilitonen in Harvard gehörte der spätere US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Nach einem Kunststudium in Wien, Florenz und Rom und der Rückkehr nach Deutschland für ein Jahr zum freiwilligen Militärdienst lebte Hanfstaengl in New York City, wo er bis 1918 die amerikanische Niederlassung des elterlichen Unternehmens, den Hanfstaengl Art Salon, leitete, unter dessen Kunden Henry Ford, Arturo Toscanini und der junge Charlie Chaplin waren.

 

Da der Kunstsalon gegen Ende des Ersten Weltkriegs von den US-Behörden als „Enemy Property“ enteignet worden war, kehrte „Putzi“ 1919 nach Deutschland zurück und ließ sich in München nieder. Am 11. Februar 1920 heiratete er die in New York geborene Helene Elise Adelheid Niemeyer, die ebenfalls von deutschen Einwanderern abstammte.

 

Auf Empfehlung seines amerikanischen Freundes Truman Smith, Vertreter des US-Militärattachés in Berlin, besuchte Hanfstaengl 1922 als Zuschauer eine Parteiveranstaltung der NSDAP im Münchner Bürgerbräukeller. Als Angehöriger der Münchner Oberschicht nutzte „Putzi“ seine Kontakte, um Hitler finanzkräftigen Geldgebern vorzustellen. Durch Spendenaktionen habe er dazu beigetragen, der NSDAP den Kauf des Völkischen Beobachters als Parteizeitung zu ermöglichen; woher das Geld wirklich kam, ist bis heute nicht nur unklar, es ist überhaupt kein Thema. Warum kauft mir niemand eine Zeitung?

 

Internationales Pelzhandelszentrum Brühl in Leipzig

 

Als Richard Wagner am 22. Mai 1813 in Brühl 3, im Haus des Gasthauses „Roter und Weißer Löwe“ geboren wurde (jüdisch dürfte die Familie aber nicht gewesen sein, heißt es), besetzten französische Truppen die Stadt, und im nicht allzu fernen Dresden standen preußische und russische Soldaten.

 

Der Brühl ist eine der ältesten Straßen Leipzigs. Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte sie den Ruf als „Weltstraße der Pelze“, war die wichtigste Straße der Stadt und trug maßgeblich zum Weltruf Leipzigs als Handelsmetropole bei. Die dort ansässigen Unternehmen der Tabakindustrie erwirtschafteten zeitweise den größten Anteil an den Leipziger Steuereinnahmen.

 

Richard Wagner war das neunte Kind des Polizeiaktuars Carl Friedrich Wilhelm Wagner (1770–1813) und seiner Frau Johanna Rosine (1778–1848). Der Vater, Jurist und sehr erfolgreicher Beamter im sächsischen Dienst mit Anwartschaft auf das Amt des Polizeipräsidenten von Leipzig, hatte eine ausgeprägte Neigung zum Theater und zur Literatur, kannte die Werke von Goethe und Schiller und war wie E.T.A. Hoffmann bemerkte, der ihn im Juni 1813 in Leipzig traf, ein „Exot“.

 

Die Mutter Johanna Rosine, geb. Pätz (1774-1848), Tochter eines Bäckers aus Weißenfels, eine schöne, musikalisch und schauspielerisch begabte Frau, wuchs vorübergehend in einem Leipziger Internat auf. Als junges Mädchen wurde sie die Mätresse von Fürst Konstantin von Sachsen-Weimar-Eisenach, der sie eine Zeitlang aushielt und sie in eine Art Liebesnest steckte, das sie „höhere Erziehungsanstalt“ nannte. 1798 heiratete sie Friedrich Wagner, den sie aus Leipzig kannte.

 

Völkerschlacht bei Leipzig
Völkerschlacht bei Leipzig

Er soll eng mit den Franzosen zusammengearbeitet haben und wäre am 23. November 1813 nach der Völkerschlacht bei Leipzig (16. bis 19. Oktober 1813) im Lazarett an Typhus gestorben. Seinen Tod hat er wohl nur vorgetäuscht, denn nach der Niederlage Napoleons konnte Wagner nicht mehr dessen Polizeipräsident in Leipzig werden und auch nicht länger privat dort bleiben. Nach einem vorgeblichen Tod musste seine Familie nicht mit ihm fliehen und hatte keine Rache zu befürchten. Es gibt vergleichbare Figuren, die mit der Franzosenherrschaft ihr plötzliches Ende fanden, wie der verdächtige Dichterpatriot Theodor Körner, der unter seiner Eiche in Wöbbelin liegen soll.

 

Ludwig Geyer (1778-1821), langjähriger Freund der Familie, Schauspieler, Maler und Dichter, heiratete am 28. August 1814 Richards Mutter und zog mit der Familie nach Dresden, wo weniger Rachegelüste wegen der Franzosenzeit zu befürchten waren.

 

Die Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Sachsen war damals eines der Zentren der deutschen Romantik. Caspar David Friedrich, der Porträtmaler Gerhard von Kügelgen, sowie der Arzt und Maler Carl Gustav Carus lebten hier, E.T.A. Hoffmann gastierte bei der Secondaschen Theatertruppe, Carl Maria von Weber leitete die Königliche Hofkapelle und war mit den Wagners befreundet.

 

Sein Stiefvater Ludwig Geyer arbeitete als Schauspieler, Dichter und Maler, sein Bruder Albert als Sänger und Regisseur, die älteren Schwestern Rosalie und Luise waren Schauspielerinnen.

 

Richard Wagner und der Verlag Brockhaus

 

Der Verlag F. A. Brockhaus in Leipzig (Foto aus dem Jahr 1856) gab ein Lexikon heraus, das als Conversationslexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten von Renatus Gotthelf Löbel und Christian Wilhelm Franke (1765–1831) begründet worden war. Zwischen 1796 und 1806 erschienen 5 Bände, bis 1808 wurden Teile des sechsten Bandes fertiggestellt. Löbel starb 1799 und auf der Leipziger Buchmesse erwarb am 25. Oktober 1808 Friedrich Arnold Brockhaus (1772-1823) das Verlagsrecht und die Vorräte des Löbel-Frankes Lexikons zum Preis von 1.800 Talern.

 

Ab 1819 war Georg Klindworth in Berlin als Erzieher und Privatsekretär des portugiesischen Botschafters Graf Oriolo tätig. Ab 10. Dezember 1821 wurde er in den preußischen Dienst aufgenommen. Am 22. April des folgenden Jahres versuchte er, den Verleger Friedrich Arnold Brockhaus als Agent Provocateur zur anonymen Veröffentlichung eines radikal-liberaldemokratischen Artikels von Heinrich Heine zu bewegen, doch das Vorhaben scheiterte und Klindworth musste am 4. Mai Berlin verlassen.

 

Friedrich Arnold Brockhaus hatte testamentarisch bestimmt, dass das Geschäft zugunsten aller seiner Erben geführt werden sollte, und Heinrich führte es zunächst mit seinem älteren Bruder Friedrich Brockhaus (1800-1865). Heinrich Brockhaus heiratete 1827 Pauline Campe (1808-86) in Leipzig. Sein älterer Bruder Friedrich Brockhaus heiratete 1828 Luise Wagner (1805-1872). Sein jüngerer Bruder, Hermann Brockhaus, heiratete 1836 Ottilie Wagner (1811-1883). So wurde Heinrich Brockhaus „zweifacher“ Schwager Richard Wagners, dessen Bibliothek (so genannte „Dresdner Bibliothek“) er als Sicherheit für Geldschulden des Komponisten zurückhielt, nachdem Wagner 1849 aus Dresden geflohen war. 

 

Unter Heinrichs Leitung florierte das Geschäft. 1837 gründete er die Leipziger Allgemeine Zeitung (später Deutsche Allgemeine Zeitung), eine Zeitung, die unter seiner Inhaberschaft den Ruf eines bürgerlich-liberalen Blattes hatte und sicher große Reklame für die Opern Richard Wagners zu leisten imstande war.

 

Als bemerkenswerter Autodidakt reiste Brockhaus viel durch Europa, besuchte auch den Nahen Osten und Nordafrika und war auf Reisen immer auf der Suche nach neuen Geschäftsmöglichkeiten. Er habe sieben moderne Sprachen verstanden und war in Literatur und bildender Kunst zu Hause. Auch international expandierte der Verlag mit Niederlassungen in Paris, Wien und darüber hinaus.

 

Dass das damalige Verlagsgeschäft von der Zustimmung der Kaiser, Könige und Herzöge abhing, verschweigt man dem Leser, der sich über den niedrigen Preis von 1.800 Talern für das Konversationslexikon wundert. Die Musikanten und anderen Künstler spielten in den Schlössern und konnten sich bei den Herrschern die nötige Gunst erspielen. Daher mag die Verbindung zwischen dem Verlag und der Familie Wagner von beiderseitigem Interesse gewesen sein. Die Musikanten und Künstler wollten im Lexikon gefeiert sein und mussten dafür bei den Herrschern für die Interessen von Brockhaus und Wagner ihren Einfluss spielen lassen. 

 

Auch Hermann Brockhaus dürfte mit seinem Hebräisch das Publizieren erleichtert haben. 1839 wurde Hermann zum außerordentlichen Professor für orientalische Sprachen an die Universität Jena berufen, wo er Sanskrit und Hebräisch lehrte und die orientalische Philologie an der Philosophischen Fakultät in Jena begründete.

 

Eduard Brockhaus, der älteste Sohn von Heinrich Brockhaus, engagierte sich in der Landespolitik. Nach der Wiedervereinigung wurde er am 3. März 1871 in den Reichstag gewählt und war ein großer Bewunderer von Reichskanzler Bismarck, dessen Haus er nach Bismarcks Ausscheiden aus dem Amt 1890 regelmäßig besuchte. Auch Helmuth von Moltke zählte er zu seinen Freunden.

 

Also eine politisch hoch aktive Familie, die ihre Verbindung zur Familie Wagner sicher nicht wegen der Schönheit oder Musikalität seiner Schwestern gesucht hat, sondern zusammen mit den Wagners an viel Größerem wirkte mittels Schriften, Theater und Musik.

Maria Theresia Loew als Rebecca in Heinrich Marschners The Templar and the Jewess
Maria Theresia Loew als Rebecca in Heinrich Marschners The Templar and the Jewess

Leah David war Richard Wagners erste Liebe. Sie war eine frühe, sanft verführerische, voll aufgeblühte orientalische Schönheit, die Tochter eines jüdischen Bankiers in Leipzig, für die der 15-jährige Wagner 1828 heftig schwärmte. Die gleichaltrige Leah stand nach dem frühen Tod ihrer Mutter als einziges Kind dem gesellschaftlich sehr einflussreichen und aktiven Haus des Bankiers vor und war eine Freundin von Wagners älterer Schwester Luise. Das Fandom-Wiki meint allerdings, dass er es mit ihrem Hund hatte:

 

Nevertheless Wagner's first love was Jewish. When Leah David made a round of calls, she often left her dog, a handsome Dane, at her friend's house. Throughout his life, Wagner was extremely fond of dogs. He soon became strongly attached to the handsome animal that served the young girl as companion and protector. But it was not long before he had formed a far warmer attachment for the young Polish Jewess herself, a dazzling and ardent oriental beauty, who was just his own age, namely between 15 and 16 years old.

 

Ein weiterer Jugendschwarm unseres vorgeblichen Antisemiten Richard Wagner, der sich jüdische Schauspieler angeblich wegen ihres jüdischen Aussehens nicht vorstellen könne, war Marie Löw. Nach ihrer musikalischen Ausbildung in Frankfurt bei Heinrich Anton Föppel trat sie zunächst am Hoftheater Kassel unter dem Dirigenten und Komponisten Louis Spohr auf. Sie heiratete den Heldentenor Karl-August Lehmann.

 

Bereits im jungen Alter von 23 Jahren war Richard Wagner durch seine beiden Schwestern sehr einflussreich. Alle Künstler wollten als gefeierte Genies im Lexikon oder in der Zeitung erwähnt werden, einige waren auch bereit, dafür zu bezahlen. Die kleineren Theater und Opernhäuser konnten sich ihre Künstler finanziell nicht leisten. Wer also kein Gehalt brauchte und nicht völlig unmusikalisch war, konnte leicht eine Stelle als Komponist und Musikdirektor finden. Später berichtete die Deutsche Allgemeine Zeitung über seinen Ruhm und die Bayreuther Festspiele.

 

Richard Wagner als junger Mann mit der Hidden Hand
Richard Wagner als junger Mann mit der Hidden Hand

Im Januar 1833 reiste Wagner nach Würzburg, wo sein Bruder Albert als Sänger am Stadttheater engagiert war, um eine Stelle als Chorleiter anzutreten. Richard heiratete am 24. November 1836 in Königsberg die Schauspielerin Christine Wilhelmine „Minna“ Planer. Im Mai 1837 verließ Minna ihren Gatten Richard für einen anderen Mann. Im Juni 1837 zog Wagner nach Riga (damals im Russischen Reich), wo er Musikdirektor der örtlichen Oper wurde, und nahm 1838 die Beziehungen zu Minna wieder auf.

 

Im nächsten Jahr unternahmen sie eine stürmische Seereise nach London, ließen sich dann im September 1839 in Paris nieder und blieben dort bis 1842. Während dieses Aufenthaltes vollendete er seine Opern Rienzi und Der fliegende Holländer. Eine Inspiration für diese Oper kam von der stürmischen Seereise von Riga nach London. Wagner lernte in Paris Heinrich Heine kennen, dessen Gedicht „Les deux grenadiers“ er vertonte und aus dessen „Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“ (1834) er bereits um 1837/38 die Anregung für seinen „Fliegenden Holländer“ übernommen hatte. Trotz einer freundlichen Empfehlung von Meyerbeer, der die Pariser Opernszene dominierte, konnte Wagner nicht in die wichtigen Salons aufgenommen werden, heißt es. Darum übersiedelte Wagner 1842 nach Dresden, sollen wir glauben, aber vermutlich konnte man ihn in Dresden besser als in Paris gebrauchen, wo es schon Meyerbeer gab.

 

Sie wären wegen hoher Schulden aus Riga geflohen, aber niemand würde in die Pariser Salons eingeladen, ohne wirklich reich zu sein oder zumindest aus einer bedeutenden Familie, am besten einem Adelshaus, zu stammen. Wagner soll später als Revolutionär von Dresden nach Paris und später in die Schweiz fliehen müssen. Derselbe Unsinn wie bei Marx. Es war schwierig, der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass das Projekt einen Standortwechsel erforderte. Deshalb mussten immer wieder Gläubiger oder die Polizei nach dem Protagonisten suchen und ihn zum benötigten Ortswechsel zwingen.

Mit so einem Fahndungsplakat könnte man auch nach einem Kamel suchen, das aus dem Zoo in Dresden entflohen ist. Zu dieser Zeit gab es nur wenige Reisende in Postkutschen, die in jeder Stadt in einigen Restaurants zum Essen und in einigen Hotels zum Übernachten anhielten. Dass Wagner aus Sachsen kam, konnte jeder sofort an der Sprache erkennen, nach den Umgangsformen war er bei Hofe. Die anderen Reisenden waren reiche Händler, Künstler oder Offiziere, und jeder kannte den anderen oder konnte einen Fremden in einem kurzen Gespräch identifizieren. Wer nicht gesprächig war, bekam nichts zu essen, keinen Platz in einer Kutsche und kein Zimmer in einem Hotel.

 

Der Steckbrief soll uns davon überzeugen, dass Wagner wirklich ein verfolgter Revolutionär gewesen wäre. Richard Wagner sollte – wie die Agenten Marx und Engels – aus Deutschland fliehen, um Kontakte zu anderen Flüchtlingen von Rang und Namen zu knüpfen. Er brauchte für sein Projekt, das später in Bayreuth inszeniert wurde, den Ruf als Revolutionär, und musste andere revolutionäre Geister von sich überzeugen und als Unterstützer gewinnen.

 

Wagner habe sich in Dresden in der Revolution von 1848 engagiert. Er empfing regelmäßig Gäste wie den Dirigenten und radikalen Redakteur August Röckel oder Michail Bakunin und sprach über die Ideen von Pierre-Joseph Proudhon und Ludwig Feuerbach. Karl Marx bezeichnete Bakunin – dessen Cousin zweiten Grades, General Graf Nikolai Muravyov-Amursky, war Gouverneur von Ostsibirien – als Agenten des Zaren, und Karl Marx musste es wissen.

 

Wagner sollte die nächsten zwölf Jahre im Exil verbringen. Er hatte Lohengrin vor dem Dresdner Aufstand fertiggestellt und noch Der fliegende Holländer (1843) und Tannhäuser inszeniert (1845).

Ich muss gestehen: Richard Wagners Opern interessieren mich nicht. Immer geht es um tapfere Ritter, die eine Königstochter lieben, oder um eine Prinzessin, die von einem armen Ritter schwärmt. Ich lese auch keine Liebesromane. Aber das Publikum mag Liebesgeschichten und alle sind wirklich sehr begeistert: Tragisch in ihr dunkles Schicksal verstrickte Helden, die nicht mit entschlossenen Taten, sondern nur durch die Liebe der Weiber gerettet und erlöst werden können. It ain't over till the fat lady sings.

 

Im Juni 1849 kam Wagner zum zweiten Mal in seinem Leben als angeblicher Flüchtling nach Paris. Franz Liszt hatte Wagner zu diesem Schritt gedrängt, weil er glaubte, mit der Veröffentlichung seines Essays über „Tannhäuser“ in Frankreich günstige Voraussetzungen für diesen riskanten Karriereschritt geschaffen zu haben. Alle Versuche, einen Kompositionsauftrag von einem der Pariser Opernhäuser zu bekommen, blieben jedoch erfolglos. Nach einigen Wochen reiste Wagner enttäuscht ab und zog sich schließlich nach Zürich zurück. Es wird immer so dargestellt, als hätte Wagner den "bösen Juden" Giacomo Meyerbeer für sein Scheitern in Paris verantwortlich gemacht. Aber sie werden für Richard Wagner in Paris keine Verwendung gefunden haben und brauchten ihn stattdessen für ein Projekt in Deutschland, wozu Wagner auch gleich zu publizieren beginnt.

 

Wagners wichtigste Arbeit während seiner ersten Jahre in Zürich war eine Reihe von Essays: Das Judentum in der Musik (1850) Das Projekt für Richard Wagner war die Förderung eines Kultes der alten Germanen und eines verschrobenen Antisemitismus. Er veröffentlichte den Aufsatz in der Neuen Zeitschrift für Musik unter dem Pseudonym K. Freigedank. Das Pseudonym war lächerlich, selbstverständlich erkannte jeder Leser der Zeitschrift sofort den Autor, aber große Revolutionäre müssen ja anonym schreiben. Ignaz Moscheles und andere Lehrer am Leipziger Konservatorium waren empört und forderten Brendels Rücktritt aus dem Vorstand, weil Wagners Artikel das Andenken an Felix Mendelssohn Bartholdy, den Gründer des Konservatoriums, beleidigt hatte. Auch die Empörung war nur gespielt: Franz Brendel gab die Zeitschrift bis zu seinem Tod im Jahr 1868 weiter heraus.

 

Man beachte die Hidden Hand, deren Bedeutung jeder wichtigeren Person in unserer Geschichte bekannt gewesen sein muss, nur den Historikern bis heute nicht. Fragen Sie doch einen Historiker, warum die alle die Hidden Hand zeigen und was die den Eingeweihten sagen soll.

 

Dem Artikel folgten Essays seines Schülers Theodor Uhlig in der NZM, der die Musik von Meyerbeers Oper Le prophète angriff. Wagner zeigte sich besonders erzürnt über den Erfolg von Le prophète in Paris, wogegen er früher ein Bewunderer von Meyerbeer gewesen war, der ihn finanziell unterstützt und seinen Einfluss genutzt hatte, um Wagners frühe Oper Rienzi, seinen ersten wirklichen Erfolg, in Dresden im Jahr 1841 auf die Bühne zu bringen.

 

Richard Wagners Argumente waren völliger Unsinn, aber wohl Absicht, um die Judenfeinde in Zukunft mit Kunst und Kultur und besonders der Oper, statt mit Börse und Wirtschaft beschäftigt zu wissen. Genau das ist im Kern auch der Vorwurf, dass die Juden schlimme Materialisten wären und keine Idealisten, die ja bekanntlich von Luft und ihrer Liebe zu den Opern Richard Wagners leben können. Warum folglich die Juden für hohe Kunst nicht taugen würden, keinen Sinn für selbstlose Hingabe hätten und das Empfinden des Idealisten nicht teilen könnten.

 

Als hätte Richard Wagner keine jüdischen Schauspieler und Sänger gekannt: "Nie verirrt sich der Jude aber auf die theatralische Bühne: die Ausnahmen hiervon sind der Zahl und der Besonderheit nach von der Art, daß sie die allgemeine Annahme nur bestätigen. Wir können uns auf der Bühne keinen antiken oder modernen Charakter, sei es ein Held oder ein Liebender, von einem Juden dargestellt denken, ohne unwillkürlich das bis zur Lächerlichkeit Ungeeignete einer solchen Vorstellung zu empfinden." Auch die Sprache beherrsche der Jude nicht: "Zunächst muß im Allgemeinen der Umstand, daß der Jude die modernen europäischen Sprachen nur wie erlernte, nicht als angeborene Sprachen redet, ihn von aller Fähigkeit, in ihnen sich seinem Wesen entsprechend, eigenthümlich und selbständig kundzugeben, ausschließen." Kannte er den Brockhaus und die Autoren des Verlages seiner Schwager nicht?

 

Es fehle jegliche Neigung zu Herz-Schmerz: "Hören wir einen Juden sprechen, so verletzt uns unbewußt aller Mangel rein menschlichen Ausdruckes in seiner Rede: die kalte Gleichgiltigkeit des eigenthümlichen Gelabbers in ihr steigert sich bei keiner Veranlassung zur Erregtheit höherer, herzdurchglüheter Leidenschaft." Was besonders der Gesang erfordere: "Macht nun die hier dargethane Eigenschaft seiner Sprechweise den Juden fast unfähig zur künstlerischen Kundgebung seiner Gefühle und Anschauungen durch die Rede, so muß zu solcher Kundgebung durch den Gesang seine Befähigung noch bei weitem weniger möglich sein. Der Gesang ist eben die in höchster Leidenschaft erregte Rede: die Musik ist die Sprache der Leidenschaft." Und so weiter und so fort: Das Judenthum in der Musik (1869)

 

Dank der materialistischen Denkweise dürften solche Vorwürfe niemanden in der Zielgruppe groß getroffen, aber alle sollten den Nutzen schnell erkannt haben. Es war halt eine Steigerung des weltweiten Projekts der Romantik, die braven Bürger mit allerlei Spintisiererei statt der harten Realität beschäftigt zu halten, schon den Verstand der kleinen Kinder mit Märchen und christlichen Wundergeschichten restlos zu verwirren, damit die nicht länger die Welt zu verstehen versuchen, und die Alten mit Gedichten, Romanen, Theater und Oper. Realität war Materialismus, gar jüdisch. Sogar Nietzsche, der selber zu diesem Netz zu rechnen ist, wurde die Wagnerei dann zuviel und von Herzen verhasst.

 

Villa Wesendonck in Zürich
Villa Wesendonck in Zürich

Otto Wesendonck war Seidenhändler und stammte aus einer Familie mit Handelsbeziehungen bis nach den USA, er vertrat das Handelshaus nach seiner Rückkehr aus den USA für Europa, zog sich aber ab 1850 ganz aus dem Geschäft zurück und widmete sich der Kunst und mit Richard Wagner, den er stark förderte, der Politik. Der Bruder Hugo Wesendonck gründete 1860 in New York die Germania-Lebensversicherung und die Deutsche Sparbank.

 

Wagner traf die Wesendoncks, beide große Verehrer seiner Musik, heißt es, 1852 in Zürich. Ab 1853 gewährte Wesendonck Wagner mehrere Darlehen und stellte ihm 1857 das Gartenhaus seiner Villa in Zürich zur Verfügung. Figuren wie Wagner kennen immer jemanden, der ihnen noch Geld schenken will, ich nicht, jedenfalls stellen unsere Biografen und Historiker das immer so unschuldig dar. In Wahrheit betreute Wesendonck den Komponisten und musste ihn zur Arbeit anhalten. 1858 kaufte Wesendonck die Rechte zur Aufführung des Ring des Nibelungen, verzichtete jedoch später, so dass die Eigentumsrechte an den bayerischen König Ludwig II. gehen konnten

 

Unter den Dirigentenverpflichtungen, die Wagner in dieser Zeit unternahm, gab er 1855 mehrere Konzerte mit der Philharmonic Society of London, darunter eines vor Queen Victoria. Die Königin genoss seine Tannhäuser-Ouvertüre und sprach nach dem Konzert mit Wagner, den sie in ihrem Tagebuch beschrieb: „klein, sehr ruhig, Brillenträger und eine sehr fein entwickelte Stirn, eine Hakennase und ein vorspringendes Kinn“.

 

Wagner war furchtbar hässlich und keine Frau hätte ihn wegen seines Aussehens oder seiner Männlichkeit geliebt. Wahrscheinlich musste er sich als armer, verfolgter Künstler darstellen, um das Mitleid und Mitgefühl der Frauen zu wecken, damit sie sich für ihn interessierten und ihm helfen wollten. Seine Verliebtheit in Mathilde Wesendonck inspirierte ihn, den Ring-Zyklus beiseite zu legen und Tristan zu beginnen.

 

1853 war Richard Wagner häufiger Gast bei Eliza und François Wille, die auf ihrem Gut Marienfeld bei Zürich einen literarischen Salon führten. Eliza Wille war die Tochter des Hamburger Reeders Robert Miles Sloman. Am 26. September 1855 erwarb Robert Sloman für 170.000 Kongresstaler das Stadt-Theater, das kurz zuvor in Konkurs gegangene größte Theater Hamburgs, das bis 1873 im Besitz der Familie Sloman blieb. Die Reederei Rob. M. Sloman, stieg mit 21 Schiffen zur größten Reederei Hamburgs auf, existiert bis heute und ist die älteste Reederei Deutschlands.

 

Nach der erfolglosen Märzrevolution von 1848 hatten Eliza Wille und ihr Mann Hamburg verlassen, um sich nach langen Reisen auf dem Gut Mariafeld bei Meilen am Zürichsee niederzulassen. Auch sie werden wie Richard Wagner immer als politische Flüchtlinge behandelt, sind aber möglicherweise zugunsten ihrer Familie in die Schweiz gezogen, um dort politischen Einfluss auszuüben. Auch der Dichter Georg Herwegh war ein häufiger Gast in ihrem Salon. Er war verheiratet mit Emma Siegmund, die im Hause eines prominenten und erfolgreichen Berliner Seidenhändlers aus einer alten jüdischen Familie aufgewachsen war; ihr Hausarzt war der Hausarzt des Königs, dessen palastartige Stadtresidenz ganz in der Nähe lag. Georg Herwegh schrieb Lieder für Lassalles Arbeiterverein und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei.

General Ulrich Wille
General Ulrich Wille

General Ulrich Wille, Sohn der oben erwähnten Familie Wille, wurde 1914 zum Oberbefehlshaber der Schweizer Armee gewählt. Er war mit Gräfin Constanza Maria Amalia Clara von Bismarck (1851–1946), der Tochter des Grafen Friedrich Wilhelm von Bismarck, einer entfernten Verwandten des Reichskanzlers Otto von Bismarck, verheiratet, sie  hatten zwei Töchter und drei Söhne.

 

Sein ältester Sohn, ebenfalls Ulrich genannt, trat in die Fußstapfen seines Vaters beim Militär und wurde schließlich Corps Commander. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg knüpfte Wille junior Kontakte zu führenden Persönlichkeiten der nationalen Bewegung in Deutschland. Ab 1919 reiste er nach München und Berlin und nahm an politischen Veranstaltungen teil, wo er auch Reden hielt. Laut Alexis Schwarzenbach tritt er beispielsweise beim Gesamtdeutschen Verband auf, der „durch antidemokratische, antisozialistische und antisemitische Propaganda aufgefallen ist“. Sein Engagement ist so groß, dass Schwester Renée ins Tagebuch notiert: „Oh, er wäre der Mussolini für Deutschland. Aber das geht leider nicht.“

 

1922 freundete sich Wille junior mit Rudolf Heß an, der gerade in Zürich studierte und fortan einmal die Woche zum Mittagessen in Willes prachtvolle Villa Schönberg kam. Durch Heß lernte Wille Adolf Hitler kennen, die Welt ist klein:

 

Das ursprüngliche Gebäude wurde 1850 errichtet und war ein bescheidenes Riegelhaus. 1856 wurde es von Otto Wesendonck erworben und von Leonhard Zeugheer für Wesendoncks Gast Richard Wagner umgebaut. Wagner lebte April 1857 bis Juli 1858 in diesem sogenannten «Asyl», wo er grosse Teile von Tristan und Isolde sowie die Wesendonck-Lieder komponierte. ... Der Offizier Ulrich Wille junior lud 1923 Adolf Hitler zu einem Vortrag in die Villa Schönberg ein. (Wikipedia)

 

Ab Herbst 1922 besuchten Heß und andere NSDAP-Führer regelmäßig Willes in Zürich oder Horgen, einem Landsitz. 1923 lud Ulrich Wille jun. Adolf Hitler und Rudolf Heß zu einem Vortrag am 30. August in die Villa Schönberg ein. Nach Angaben des Bayerischen Staatsministeriums des Auswärtigen gelang es Hitler, 30.000 Schweizer Franken aufzubringen, mit denen der zwei Monate später durchgeführte Hitler-Putsch in München finanziert wurde. Es ist alles ein Spiel zwischen den wenigen herrschenden Familien.

 

Die Schwester von Ulrich Wille Jr., Renée Schwarzenbach-Wille, eine olympische Reiterin und erfolgreiche Fotografin, war mit dem Seidenmagnaten Alfred Schwarzenbach verheiratet. Ihre Tochter war die renommierte Autorin, Reisende und Fotografin Annemarie Schwarzenbach. Im Jahr 1931 hielt sie sich öfter in Berlin auf und stand in engem Kontakt mit Klaus und Erika Mann in München. 1933 begab sich Annemarie Schwarzenbach gemeinsam mit der Fotografin Marianne Breslauer auf eine erste journalistische Reise nach Spanien. Im gleichen Jahr fuhr sie nach Persien. Nach der Rückkehr in die Schweiz reiste sie 1934 nach Moskau, wo sie zusammen mit Klaus Mann am ersten Allunionskongress sowjetischer Schriftsteller teilnahm.

 

Palazzo Giustinian (links) und Ca’ Foscari vom Campo San Samuele aus
Palazzo Giustinian (links) und Ca’ Foscari vom Campo San Samuele aus

Oh, schaut, was der arme Richard, der seine Freunde ständig um Geld bitten muss, als nächstes unternimmt:

 

Wagner kam am 29. August 1858 in Venedig an und verbrachte die erste Nacht im Hotel Danieli. Am folgenden Tag übernachteten Wagner und sein Begleiter Karl Ritter im Palazzo Giustinian am Canal Grande neben Ca' Foscari. Wagner ließ die etwas heruntergekommene Wohnung nach seinem Geschmack umgestalten, inklusive vergoldeter Möbel, roter Tapeten und Teppiche, aber auch seines geliebten Erard-Flügels, den er mit seinem Bett aus Zürich nach Venedig mitgebracht hatte. Hier vollendete Wagner den zweiten Akt des „Tristan“. Dann wieder die übliche Geschichte für den Ortswechsel, vielleicht war es ihm im Januar zu nass und kalt geworden:

 

Im damals von Österreich verwalteten Venedig galt Wagner als gesuchter Revolutionär. So wurde er beobachtet und als sich die Auseinandersetzungen zwischen den italienischen Patrioten des Risorgimento, die für ein unabhängiges und geeintes Italien eintraten, und der österreichischen Besatzung am 1. Februar 1859 militärisch zu verschärfen begannen, erhielt er einen Ausweisungsbefehl. Den zweiten Aufzug der „Tristan“ konnte er zwar verschieben und damit beenden, musste dann aber abreisen, weil die Österreicher nun Truppen gegen die italienische Freiheitsbewegung zusammenzogen und Wagner vermeiden wollte, in die aufkommenden militärischen Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden.

 

Wagner übernachtete am 28. März 1859 in Luzern im eleganten Hotel „Schweizer Hof“: „Die Kalkulation, die ich für meinen Aufenthalt an diesem Standort gemacht hatte, basierte auf der Annahme, dass das dortige Grosshotel am Schweizerhof bis zum Beginn der eigentlichen Sommersaison komplett leer stand und ich dort ein grosszügiges und ohne weitere Vorbereitungen vorfinden würde ungestörte Unterkunft durch Lärm. […] Oberst Segesser, der humane Wirt des Gasthauses, wies mich im linken Nebengebäude an, eine ganze Etage einer beliebigen Wohnung zu besetzen, in deren Haupträumen ich es mir ohne großen Aufwand recht gemütlich machen konnte.“ Wagner lebte fast ein halbes Jahr im „Schweizer Hof“ und komponierte den dritten Akt des „Tristan“, der das Werk vollendete.

Im November 1859 zog Wagner erneut nach Paris. Anfang 1860 fanden im Théâtre-Italy drei Konzerte mit Teilen aus dem „Fliegenden Holländer“, „Tannhäuser“, „Lohengrin“ und „Tristan und Isolde“ statt.

 

Wenige Tage nach den Konzerten hatte Jacques Offenbachs Théâtre des Bouffes-Parisiens „Le carnaval des revues“ uraufgeführt. Eine Nummer dieser Karnevalsrevue war „Le musicien de l’avenir“, in der der „zukünftige Musiker“ Wagner mit Weber, Mozart und Gluck konfrontiert wird, denen er zuruft:

 

Ah! Ah! Hier bin ich, hier bin ich. Ich bin der 'Komponist der Zukunft' und ich werde euch alle zerstören, euch die Vergangenheit, euch die Routine! Ich bin eine ganze Revolution! Keine Noten mehr, keine Harmonie, kein Einstimmen mehr, keine Tonleitern, keine Vorzeichen, nein 'forte' und kein 'piano'!. 

 

Das Stück wurde so berühmt, dass sogar Kaiser Napoleon III. sich die Aufführung ansah.

 

Tannhäuser wurde am 13. März 1861 auf Anregung von Prinzessin Pauline von Metternich, der Gemahlin des österreichischen Botschafters in Frankreich, an der Pariser Opéra gegeben. Die Uraufführung der Oper wurde zunächst gut aufgenommen, mit wenigen Störungen wie Pfeifen und Katzenrufen, die im zweiten Akt auftauchten und am Ende des dritten Akts deutlich wurden. Bei der zweiten Aufführung nahmen die Störungen zu. Das lag unter anderem an Mitgliedern des wohlhabenden und aristokratischen Jockey Clubs, sie verteilten Trillerpfeifen an das Publikum. Der politische Grund für die Unruhen war die Unbeliebtheit der Fürstin von Metternich und ihres Vaterlandes Österreich, denn Kaiser Napoleon III. wollte seine Beziehungen zu Österreich gegen den Willen dieser politischen Kreise verbessern.

 

Bei der dritten Aufführung am 24. März (an der Wagner nicht teilnahm) verursachte der Aufruhr mehrere Unterbrechungen von jeweils bis zu fünfzehn Minuten. Als Konsequenz zog Wagner die Oper nach der dritten Aufführung zurück. Damit endete Wagners Hoffnung, sich in Paris zu etablieren. Es ging aber um Politik und nicht um die Oper.

 

Um die Hintergründe der Geschichte zu verstehen, müssen wir uns den ungarischen Pianisten und Komponisten Franz Liszt genauer anschauen. Er war nicht nur ein berühmter Musiker, sondern vor allem ein politischer Agent. Bei den Veranstaltungen ging es nicht um Musik, sondern um Politik. Die Gattin des österreichischen Botschafters trat für bessere Beziehungen zu Napoleon III ein, der damit einverstanden war. Doch interessierte Kreise hetzten die Bürger dagegen auf. Damit scheiterte Wagners Auftritt in Paris.

 

Auch über den armen Franz lesen wir den üblichen zu Tränen rührenden Unsinn (Wiki): Nach dem Tod seines Vaters 1827 zog Liszt nach Paris und lebte die nächsten fünf Jahre bei seiner Mutter in einer kleinen Wohnung. Liszt erteilte Unterricht in Klavierspiel und Komposition, oft vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Seine Schüler waren über die ganze Stadt verstreut und er musste oft weite Strecken zurücklegen, heißt es. Dabei lernte er Caroline de Saint-Criq kennen. Sie war die Tochter des Handelsministers, der dann wegen des großen Standesunterschiedes eine Fortsetzung der Beziehung untersagt haben soll.

 

Sicher, der Minister ließ seine Tochter von einem armen Kerl unterrichten und bezahlte so wenig, dass dieser stundenlang auf den Straßen zu anderen Schülern unterwegs blieb und zu rauchen und zu trinken anfing – alles Gewohnheiten, die er sein ganzes Leben lang fortsetzen würde –, aber das kleine Mädchen des Ministers verliebte sich in ihn.

 

Marie d’Agoult
Marie d’Agoult

Im Januar 1833 lernte der 21-jährige Liszt Marie d'Agoult kennen, eine sechs Jahre ältere Pariser Prominente. Marie d'Agoult wurde in Frankfurt am Main als Marie Catherine Sophie de Flavigny, die Tochter von Alexander Victor François, Vicomte de Flavigny (1770–1819), einem ungebundenen emigrierten französischen Aristokraten, und seiner Frau Maria Elisabeth Bethmann (1772) geboren –1847), eine Tochter der deutschen Bankiersfamilie Bethmann.

 

Ihre Halbschwester Auguste Bußmann, die von 1807 bis 1814 mit dem Dichter Clemens Brentano verheiratet war, stammte aus der ersten Ehe der Mutter mit dem jung verstorbenen jungen Bankier Johann Jakob Bußmann.

 

Sie ging eine frühe Scheinehe mit Charles Louis, Comte d'Agoult, ein und wurde dadurch zur Comtesse d'Agoult. Von 1835 bis 1839 lebte sie mit dem sechs Jahre jüngeren Klaviervirtuosen und Komponisten Franz Liszt zusammen, der damals ein aufstrebender Konzertstar war. D'Agoult hatte drei Kinder mit Liszt, sie und Liszt heirateten jedoch nicht und sie hatte Beziehungen mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, setzte sich über gesellschaftliche Zwänge ihrer Zeit hinweg und entwickelte als Journalistin trotz ihrer aristokratischen Herkunft eine kritische Haltung, während Liszt damit beschäftigt war, zu komponieren und durch Europa zu touren. Ihr Sohn Daniel (1839-1859), bereits ein vielversprechender Pianist und begabter Gelehrter, starb an Tuberkulose. Später schrieb sie unter dem Pseudonym Daniel Stern im Gedenken an ihren Sohn unter anderem Histoire de la révolution de 1848.

 

Das Geld für ihren Pariser Salon wird sie wohl von der Bethmann Bank erhalten haben, um den Einfluss der Bankiersfamilie in Paris zu erhöhen. In ihrem berühmten Pariser Salon waren Karl Marx und der Dichter Georg Herwegh zu Gast. Ihre zweite Tochter Cosima wird Adolf Hitler in Bayreuth empfangen. Die Welt der herrschenden Familien ist klein. Die Bethmanns hatten großen Einfluss auf die Politik; ein Verwandter, Theobald von Bethmann-Hollweg, wurde von 1909 bis 1917 Reichskanzler.

Das 1871 gegründete Deutsche Kaiserreich
Das 1871 gegründete Deutsche Kaiserreich

Ihre erste Tochter Blandine (1835–1862) heiratete den späteren französischen Ministerpräsidenten Émile Ollivier. Sie starb bereits im Alter von 26 Jahren nach der Geburt ihres ersten Kindes. Es ist aber davon auszugehen, dass die Kontakte von Émile Ollivier zum Salon seiner ehemaligen Schwiegermutter und deren Freund Franz Liszt sehr eng blieben und seiner weiteren politischen Karriere hilfreich waren.

 

Den allgemeinen Wahlen von 1869 folgte in der letzten Woche dieses Jahres die Bildung eines Ministeriums, dessen eigentlicher Premier Ollivier war, obwohl dieses Amt nicht nominell von der Verfassung anerkannt wurde.

 

Émile Ollivier verursachte das Ende der Herrschaft von Kaiser Napoleon III. und ermöglichte 1871 die Gründung des Deutschen Reiches in Versailles. Während der gesamten Zeit stand Liszt über Briefe in engem Kontakt mit Marie d'Agoult, und sicherlich stand sie über ihren Salon in direktem Kontakt mit dem Premierminister. Ollivier führte Frankreich in den Krieg mit Preußen, den Otto von Bismarcks wollte, Liszt hat das wohl über Émile Ollivier erreicht. 

 

Anfang 1870 war dem deutschen Prinzen Leopold vom römisch-katholischen Kadettenzweig Hohenzollern-Sigmaringen der vakante spanische Thron angeboten worden. Nach den Protesten Frankreichs hatte Leopold seine Annahme im Juli 1870 zurückgezogen, womit die Franzosen jedoch nicht zufrieden waren. König Wilhelm, als Chef des Hauses Hohenzollern, sollte zudem für alle Zukunft versichern, dass sich kein Kandidat aus seinem Hause jemals für den spanischen Thron zur Verfügung stellen werde. Der 73-jährige König, der in Bad Ems im Rheinland weilte, wurde dazu vom französischen Botschafter de Benedetti auf der Kurpromenade angesprochen.

 

Für uns ist noch wichtig, dass der junge Houston Stewart Chamberlain im zarten Alter von erst 15 Jahren ein Zeuge dieser Unterredung in Bad Ems gewesen sein will, womit er seine Ausbildung als britischer Agent entlarvt hätte, denn solche Zufälle gibt es ja nicht. Einen Buben aus bester englischer Familie neugierig in der Nähe des Königs herumstrolchen zu lassen, war eine gute Idee des Secret Service, die gewünschten Informationen zu erhalten. 

 

Bismarck hatte die sich verschlechternden Beziehungen zu Frankreich mit offener Genugtuung betrachtet und informierte danach die Presse, die Franzosen hätten unter Kriegsdrohung untragbare Forderungen gestellt und König Wilhelm habe diese abgelehnt. Wenn es zum Krieg kommen musste, war jetzt der beste Zeitpunkt dafür. Seine Darstellung, versicherte er seinen Freunden, "würde wie ein rotes Tuch auf den gallischen Stier wirken".

 

Frankreich mobilisierte seine Armee am 15. Juli 1870 und veranlasste den Norddeutschen Bund, später an diesem Tag mit einer eigenen Mobilisierung zu reagieren. Am 16. Juli 1870 stimmte das französische Parlament für die Kriegserklärung an Preußen. Deutsche Siege in Ostfrankreich und die Schlacht von Sedan führten zur Gefangennahme des französischen Kaisers Napoleon III. und der entscheidenden Niederlage der Armee des Zweiten Kaiserreichs. Inszeniert wurde die Gründung des Deutschen Reiches durch einen etwas spektakuläreren, geheim vorbereiteten Militärgerichtsakt, die Kaiserproklamation des preußischen Königs Wilhelm I. am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles.

 

1847 lernte Liszt Prinzessin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein kennen, eine polnische Szlachcianka (Adlige), die sich nach nur wenigen Ehejahren von ihrem Mann trennte. Sie war das einzige Kind wohlhabender Eltern, Peter Iwanowky und Pauline Podowska, deren großer Landbesitz in Podolien mehr als 30.000 Leibeigene umfasste. Im Herbst 1848 waren sie und Liszt ein Liebespaar geworden und ihre Beziehung dauerte für den Rest seines Lebens. Carolyne soll schon als Mädchen so hässlich gewesen sein, dass sie von ihrer Mutter damit getröstet wurde, nach ihrem Tod würde sie als ein wunderschöner Engel auferstehen, sie war eine sehr gläubige Katholikin. Sie zog zusammen mit Liszt nach Weimar, wo er zum außerordentlichen Kapellmeister ernannt worden war, und sie blieben da über ein Jahrzehnt zusammen. Das Paar plante, am 22. Oktober 1861, Liszts 50. Geburtstag, in Rom zu heiraten. Dazu musste sie die römisch-katholischen Behörden davon überzeugen, dass ihre Ehe mit ihrem Ehemann ungültig war, aber ihr Ehemann und der Zar von Russland verhinderten die Erlaubnis des Vatikans, wieder zu heiraten.

 

Ferdinand Lassalle
Ferdinand Lassalle

Im Herbst 1853 kam Agnes Street-Klindworth, die sich als Madame Denis-Street vorstellte – wenn sie ihren Mann nicht erfunden hat, hatte sie ihn verlassen – in Weimar an. Ihr Cousin Karl Klindworth, der spätere Adoptivvater von Winifred Wagner, hatte bereits seinen Wohnsitz dort. Ihr Vater Georg Klindworth war 1822 Agent Provocateur gegen Brockhaus gewesen und war damals ein berüchtigter Agent Metternichs und des russischen Zaren Nikolaus I., der in den 1840er Jahren ein Spionagenetz kontrollierte, das sich über ganz Europa erstreckte.

 

Agnes war die Emissionärin ihres Vaters, um bei Liszt zu spionieren und höheres Klavier zu lernen, natürlich schliefen sie nur wenige Minuten nach ihrer Ankunft miteinander. Liszt wusste, dass sie eine politische Agentin war, und ihre Affäre wurde zu einem der bestgehüteten Geheimnisse des Weimarer Hofes. Agnes gebar am 21. Januar 1854 ihren ersten Sohn namens Ernst August Georg, bekannt als George Street, Liszts mögliche Vaterschaft bleibt undokumentiert. Agnes verließ Weimar am 5. April 1855 plötzlich, sie wurde zu dringenden Geschäften abberufen. Sie war wieder schwanger, ihr zweites Kind hieß Charles, geboren am 18. Juli 1855. Sie brauchte keinerlei Zahlungen, außer vielleicht vom Zaren.

 

Durch ihre Korrespondenz mit Liszt wissen wir von ihrer Affäre und ihrer späteren Beziehung zu Ferdinand Lassalle, der gerade in dunkle Geschäfte mit Georg Klindworth verwickelt war, es ging um Waffenlieferungen an Russland während des Krimkriegs. Georg Klindworth organisierte mit seinen Mitarbeitern Werth, Siegheim, Block, Lassalle und Gräfin Hatzfeld Lieferungen belgischer und englischer Waffen nach Russland in heimlicher Duldung durch die preußische Regierung. Klindworth hatte Werth über die reichen Kölner Industriellen Siegheim und Block, Lassalles Cousin, kennengelernt. Klindworth baute eine Rüstungsfabrik für Rußland auf, Werth hatte in England die Stahlherstellung für Lancaster-Kanonen erlernt. Agnes half Lassalle bei der Fertigstellung seiner Doktorarbeit Die Philosophie Herakleitos des Dunkeln von Ephesos und brachte am 19. Dezember 1856 seine Tochter Fernande zur Welt, die bald starb.

Wappen des Fürstenhauses von Thurn und Taxis
Wappen des Fürstenhauses von Thurn und Taxis

1860 lud Agnes Richard Wagner zu einem Aufenthalt in Brüssel ein, um mit mächtigen Leuten zu speisen. Die Existenz des Papsttums wurde nach dem Krieg von 1859 und der Proklamation des Königreichs Italien immer prekärer. Liszt, Prinzessin Carolyne und die Klindworth schickten geheime politische Berichte zur Verteidigung des Vatikans. Georg Klindworths Gespräche mit Wagner im März 1862 spiegeln ultrakonservative katholische Weltanschauungen wider, heißt es. Liszt fungierte bis 1870 als politischer Informant des Kurators des Vatikanischen Geheimarchivs, Pater Augustin Theiner.

 

Von 1850 bis 1870 gründete, leitete und verwaltete André Langrand-Dumonceau aus Belgien, der Präsident eines katholischen Finanzimperiums in Belgien, Holland, England, Österreich und Ungarn, mehr als zwanzig Versicherungsgesellschaften, Hypothekengesellschaften, Landbanken, Eisenbahngesellschaften, einige mit einem Kapitalwert von 300 Millionen belgischen Franken, wie Liszt gegenüber Agnes am 19. September 1863 in einem Brief erwähnte.

 

Prinz Maximilian Karl von Thurn und Taxis wurde durch Georg Klindworth mit Langrand persönlich bekannt gemacht, dem Prinzen wurde ein unter dem politischen Einfluss des katholischen Finanzimperiums neugeschaffenes Fürstentum in Aussicht gestellt. Langrand ernannte Georg Klindworth zum Berater für internationales Recht.

 

Wagners Schicksal nahm 1864 einen dramatischen Aufschwung, als der schwule König Ludwig II. von Bayern im Alter von 18 Jahren den bayerischen Thron bestieg. Kronprinz Ludwig war im 19. Lebensjahr, als sein Vater starb, seine Jugend und sein grüblerisches Aussehen machten ihn beliebt in Bayern und anderen Ländern. Eine der ersten Amtshandlungen seiner Regierung, wenige Monate nach seiner Thronbesteigung, war die Vorladung Wagners an seinen Hof. Georg Klindworth wollte Richard Wagners Einfluss für das Finanzimperium Langrands nutzen.

 

Am 25. Februar 1865 boten Klindworth und eine prominente Persönlichkeit der bayerischen katholischen Partei Richard Wagner Anteile an einer Bank und finanzielle Unterstützung an, um Ludwig II. davon zu überzeugen, seinen Hofsekretär Pfistermeister durch Georg Klindworth zu ersetzen.

 

Wagner geriet damit bei führenden Mitgliedern des Hofes in Ungnade, die seinem Einfluss auf den König misstrauisch gegenüberstanden. Im Dezember 1865 musste Ludwig den Komponisten schließlich auffordern, München zu verlassen. Ludwig installierte Wagner in der Villa Tribschen am Vierwaldstättersee in der Schweiz. In der Finanzkrise von 1870 erklärte André Langrand-Dumonceau Privatbankrott und floh ins Exil. Er wurde des Diebstahls, der Bestechung und der kriminellen Rücksichtslosigkeit beschuldigt und nach einem Prozess, der von 1872 bis 1879 lief, in Abwesenheit verurteilt.

 

Durch den Bankrott des Finanzimperiums verloren viele katholische Familien ihre Ersparnisse, der Ruf des römischen Papstes wie das Ansehen des Wiener Monarchen litten schwer, und wer die Hintermänner und Profiteure waren, ob es von vornherein böse Absicht oder nur Unfähigkeit war, wäre noch zu ermitteln. Dass Agenten wie Klindworth und Liszt beteiligt waren, lässt alle Möglichkeiten offen und zeigt die Bedeutung der Affäre. Der Widerstand katholischer Kreise in Bayern beweist, dass es Verdacht gab.  

 

 

Als Wagner München verlassen musste, fasste er den Entschluss, sein Judentum in der Musik noch einmal in einer erweiterten Fassung herauszugeben. Im Frühjahr 1869 erschien diese als Broschüre mit Wagners Namen auf dem Titelblatt.

 

1870 schickte Georg Klindsworth zwischen Januar und August mehr als hundert Berichte aus Paris über Liszts Schwiegersohn, den französischen Ministerpräsidenten Émile Ollivier, nach Österreich. Liszt hatte sich Sorgen um den Einfluss von Agnes auf Ollivier gemacht, nachdem sie den Zusammenbruch der Regierung Napoleons III. vorhergesagt hatte. Am 30. Mai 1870 berichtete Klindworth, dass er jeden Sonntag mit Ollivier verbrachte. Die Franzosen gingen davon aus, dass sie sich auf österreichisch-ungarische Unterstützung verlassen konnten. Vielleicht hatte ihnen jemand zugesagt, sie könnten sich auf bayerische Unterstützung verlassen? Sie konnten es nicht, weil Bismarck dem König Ludwig II. reichlich Geld zukommen ließ, mit dem dieser dann den Bau seiner Schlösser bestritt.

 

Die Korrespondenz von Liszt und Agnes endete im Herbst 1870. Im Februar 1871 sprach Georg Klindworth mit Ollivier in Moncalieri und berichtete dann über die Aktivitäten der französischen Regierung in Bordeaux und Versailles. 1874 arbeitete Klindworth für Disraeli und Lord Malmesbury, im Mai war er in London, dann in Versailles mit Verbindungen zu den Orleonisten.

 

 

Hans von Bülow
Hans von Bülow

Cosima Wagner (1837-1930) war die zweite Tochter von Franz Liszt und Marie d'Agoult.

 

Als sich seine Töchter dem Heiratsalter näherten, gab Liszt sie in die Obhut von Franziska von Bülow, deren Sohn Hans Liszts hervorragendster Schüler war, er sollte die musikalische Erziehung der Mädchen übernehmen. Sein Vater war der Novellist Karl Eduard von Bülow. Seine Mutter Franziska Stoll (1806–1888) war die jüngere Schwester der Ehefrau des Bankiers Christian Gottlob Frege (1778–1855). Hans von Bülow war zwischen dem 10. und 15. Lebensjahr regelmäßig zu längeren Besuchen bei der Familie Frege in Leipzig. Am 18. August 1857 heirateten Cosima und Hans von Bülow in Berlin und besuchten auf ihrer Hochzeitsreise Richard Wagner in Zürich, der zu diesem Zeitpunkt im Gartenhaus der Villa Wesendonck wohnte. Der Ehe mit Bülow entstammten die beiden Töchter Daniela und Blandine, benannt nach Cosimas beiden Geschwistern Daniel und Blandine.

 

1864 zogen Hans und Cosima mit ihren beiden Töchtern Daniela und Blandine im Alter von dreieinhalb und eineinhalb Jahren nach München und bezogen ein Haus in der Nähe von Wagner, damit Cosima als Wagners Sekretärin arbeiten konnte. Die tiefe Verehrung Hans von Bülows für Wagner veranlasste Cosima wahrscheinlich dazu, Richard Wagner ihrem Mann vorzuziehen.

 

Tristan und Isolde wurde am 10. Juni 1865 im Nationaltheater München uraufgeführt, die erste Wagner-Opernpremiere seit fast 15 Jahren. Dirigent dieser Uraufführung war Hans von Bülow, dessen Frau Cosima im April Tochter Isolde zur Welt gebracht hatte, ein Kind nicht von Bülow, sondern von Wagner, aber von Bülow nahm das Kind als sein eigenes an.

Richard Wagner—Cosima—Hans von Bülow
Richard Wagner—Cosima—Hans von Bülow

Nachdem Richard Wagner die Entlassung von Ludwigs Kabinettssekretär und seinem Ministerpräsidenten forderte, musste König Ludwig schließlich Richard Wagner auffordern, Bayern zu verlassen.

 

Nach einigen Monaten Wanderschaft kam Wagner im März 1866 in Genf an, wo Cosima sich ihm anschloss. Gemeinsam reisten sie nach Luzern, wo sie ein grosses Seehaus fanden, die Villa Tribschen.

 

Richard Wagner lud Hans von Bülow ein, mit seiner Familie bei ihm einzuziehen. Weniger als einen Monat später kamen Cosima und ihre Kinder Daniela, Blandine und Isolde in Tribschen an.

 

Cosima war mit ihrem zweiten Kind von Wagner schwanger. Eva wurde am 17. Februar 1867 in Tribschen geboren. Siegfried, das dritte Kind von Cosima und Wagner, wurde am 6. Juni 1869 geboren.

 

Neun Tage nach der Geburt ihres Sohnes Siegfried bat Cosima Hans von Bülow, der Scheidung zuzustimmen und ihr die Töchter Daniela und Blandine zu überlassen. Bülow stimmte zwei Tage später zu, aber er sprach nie wieder mit Richard Wagner.

 

Ludwig II. und Sophie Charlotte 1867
Ludwig II. und Sophie Charlotte 1867

Im April 1871, drei Monate nach der Reichsgründung, gingen Richard Wagner und Cosima nach Bayreuth. Wagner begründete die Wahl Bayreuths damit, dass der Ort in Bayern und in der Nähe des Zentrums des Deutschen Reiches liegen müsse und gleichzeitig keine Hauptstadt und sehr ruhig mit wenig Industrie und Gewerbe sein sollte. Der Stadtrat von Bayreuth hatte beschlossen, Wagner ein Grundstück für das Festspielhaus unentgeltlich zur Verfügung zu stellen.

 

Tribschen wurde 1872 aufgegeben und die Familie zog nach Bayreuth. Als Krönung von Wagners Lebenswerk sollte hier das Festspielhaus entstehen. Im April 1874 konnte er in die „Villa Wahnfried“, sein erstes eigenes Haus, einziehen.