Warum muss der Mann immer so schreien?

Pasewalk nahe Stettin
Pasewalk nahe Stettin

Die „Kriegszitterer“, die im Ersten Weltkrieg in großer Zahl auftraten, wurden mit der Kaufmann-Kur, benannt nach einem Psychiater aus Mannheim, so lange malträtiert, bis sie aufhörten zu zittern und wieder „frontfähig“ waren. Die „Kur“ bestand aus Stromstößen, die in die zitternden Gliedmaßen oder in besonders schmerzempfindliche Körperpartien wie Hoden oder Lippen blitzartig eingeleitet wurden. Max Nonne, der Hamburger Psychiater, versuchte es mit Hypnose, in der er dem Soldaten suggerierte, nicht zittern zu müssen. Kaufmann wie Nonne legten Wert darauf, den Patienten kleinzuhalten. Der musste sich vor Nonne zum Beispiel nackt ausziehen, während der große Nonne im weißen Kittel, allein mit dem Patienten in einem dunklen Raum, ihm militärisch knapp seine Kommandos gab.

 

Die Psychiater der Zeit glaubten, die „Kriegsneurose“ beruhe auf einer erblich bedingten Willensschwäche, der mit Strenge zu begegnen sei. Mit dieser Auffassung setzten sich führende Psychiater wie Robert Gaupp und Karl Bonhoeffer 1916 auf einer Tagung der Militärpsychiater gegen Hermann Oppenheim durch, der an einen kausalen Zusammenhang von Neurose und Kriegserleben glaubte. Beide Seiten konnten ihre Sicht zwar nicht beweisen, die Verfechter der Theorie der Willensschwachheit hatten aber immerhin den Zeitgeist auf ihrer Seite, dem Schwächlinge, zumal in Kriegszeiten, verhasst waren.

 

Der therapeutische Aufbruch äußerte sich in einem Bündel sogenannter heroischer Therapien: Schocktherapie durch elektrische Stromstöße, die Gabe von Cardiazol oder Insulin, hier verbunden mit einem hypoglykämischen Koma, waren nicht nur in Deutschland verbreitet, sondern europaweit und auch in den USA, die prolongierte Schlaftherapie mit dem Narkotikum Somnifaine in Großbritannien. Solche „heroischen“ Therapien verlangten vor allem von den meist schizophrenen oder depressiven Patienten ein gerütteltes Maß an Heroismus. Die Cardiazol-Schocktherapie war mit Horrorvisionen und Todesangst verbunden. Die Unterzuckerung bei der Insulinkur katapultierte den Patienten in ein Zwischenreich von Leben und Tod; die hypoglykämische Todesdrohung sei einzigartig, zitierte Thomas Foth Ph. D., Ottawa, zeitgenössische US-amerikanische Veröffentlichungen.

 

Psychiatrie: Heroische Therapien, ausgelieferte Patienten Deutsches Ärzteblatt 2012

 

Die Station für Kriegsneurotiker in Pasewalk
Die Station für Kriegsneurotiker in Pasewalk

Nicht in Deutschland, jedoch in Österreich kam es zu einer aufsehenerregenden Diskussion und politischen Untersuchung:

 

Am 11. Dezember 1918 erschien in der sozialdemokratischen Wochenschrift Der Freie Soldat  unter dem Titel Die elektrische Folter ein anonymer Beitrag, in dem massive Vorwürfe gegen die Behandlungsmethoden erhoben wurden, denen sich so bezeichnete Kriegsneurotiker wie auch vorgebliche Simulanten in den Kriegsjahren zu unterziehen hatten. Man habe schwer traumatisierten Frontsoldaten, die meist mit Symptomen heftiger und krampfartiger Zuckungen am ganzen Körper („Zitterer“) eingeliefert worden waren oder an psychotischen Nachwirkungen sog. shell shocks litten, bewusst, vorsätzlich und in inhumaner Weise Qualen zugefügt, die an die Grenzen des körperlich Erträglichen gegangen waren. Auf diese Weise sollte eine möglichst große Zahl neurasthenischer Patienten in möglichst kurzer Zeit erneut front- und einsatztauglich gemacht werden. Im Zentrum der Kritik stand die psychiatrische Klinik Wagner v. Jauregg.

 

Lediglich eine Woche später  – in der latent sozialrevolutionären Atmosphäre der unmittelbaren Nachkriegszeit, auf Druck der Heimkehrer-Verbände und mit Unterstützung der Sozialdemokratie – wurde durch die Provisorische Nationalversammlung ein Gesetz über die Feststellung von „Pflichtverletzungen  militärischer Organe im Kriege“ beschlossen. Eine entsprechende, ab März 1919 tätige Kommission stand unter der Leitung des angesehenen Juristen Alexander Löffler, zu ihren weiteren Mitgliedern zählten u. a. der Anatom Julius Tandler und nicht zuletzt Julius Wagner-Jauregg selbst.

Nachdem sich die Vorwürfe gegen den späteren Nobelpreisträger zunehmend verdichteten und im Wesentlichen auf die unsachgemäße und zu regelrechter Folter erweiterte Anwendung elektrotherapeutischer Schockmethoden hinausliefen, ließ Wagner-Jauregg sein Mandat in der Kommission ruhen; diese leitete ihrerseits im Oktober 1919 Erhebungen gegen den wohl profiliertesten Vertreter der klassischen Wiener Schule der Psychiatrie ein. Der zum externen Fachgutachter bestellte Sigmund Freud legte seine (handgeschriebene) Expertise am 25. Februar 1920 vor.

 

Sigmund Freud Gutachten zu Elektroschocks

 

Prof. Dr. Edmund Forster

Stolperstein Ellernholzstraße 2, Greifswald
Stolperstein Ellernholzstraße 2, Greifswald

Edmund Robert Forster (* 3. September 1878 in München; † 11. September 1933 in Greifswald) war ein deutscher Psychiater und Neurologe und Direktor der Universitäts-Nervenklinik Greifswald. Nach der Machtergreifung 1933 wurde er am 31. August unter vorgeschobenen Vorwürfen seines Postens enthoben. Danach beging er Suizid.

 

Bei Wikipedia soll es noch zweifelhaft sein: Ab 1915 wurde er in Belgien eingesetzt, wo er zum Marine-Stabsarzt befördert und mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet wurde. Später war er möglicherweise im Reservelazarett Pasewalk.

 

Aber auch Wiki weiß: Als der Nachrichtendienst des US-Kriegsministeriums (OSS) 1943 einen psychologischen Bericht über die Persönlichkeit Hitlers zu erstellen versuchte, gab der im isländischen Exil lebende Arzt Karl Kroner den Amerikanern jedoch zu Protokoll, dass Forster Hitler in Pasewalk untersucht und ihm die Diagnose „Hysterie“ gestellt habe.

 

Er hat zu dem Thema auch während des Krieges geschrieben: Hysterische Reaktion und Simulation. In: Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie. Band 42, 1917, H. 5, S. 298–324, und H. 6, S. 370–381

 

Nachforschungen durch Bernhard Horstmann ergaben, dass Akten über Prof. Dr. Forster "verschwunden" sind:

 

Von der „Deutschen Dienststelle“ in Berlin erhielt ich auf meine ausführliche Anfrage nach dem militärdienstlichen Werdegang Forsters die knappe Antwort: „… auf Ihr Schreiben muß ich Ihnen mitteilen, daß die bei der Kaiserlich Deutschen Marine geführten Personalunterlagen über Professor Dr. Edmund Forster nicht erhalten geblieben sind“.21 Das heißt nicht etwa, dass diese Unterlagen überhaupt nicht dort geführt worden sind, sondern dass sie sehr wohl geführt wurden, im Verlauf aber dann „abhanden gekommen“ sind. (Horstmann, Bernhard. Hitler in Pasewalk: Die Hypnose und ihre Folgen)

 

Wie an dem Titel zu sehen ist, will leider auch Bernhard Horstmann eine Behandlung durch "Hypnose" diskutieren, wie alle anderen Autoren, die sich überhaupt des Themas angenommen haben. Dass die Kriegstraumatiker mit Hypnose kuriert worden wären, statt mit Elektroschocks und Kaltwassergüssen, war nach 1918 behauptet worden. Das politische Wüten Hitlers soll durch einen Fehler bei der "Hypnose"  (Ernst Weiß, bereits 1939: Ich, der Augenzeuge) entstanden sein, die wäre durch eine Störung der Behandlung nicht richtig beendet worden, hätte dabei eine unbewusste und bis dahin verdrängte Veranlagung zum Massenmorden ausgelöst (Volker Elis Pilgrim: Hitler 1 und Hitler 2). 

 

In einem „Beitrag zum militärärztlichen Dienstleistungsbericht“ in den erhaltenen Akten anlässlich einer Abkommandierung Forsters vom 3. September 1918 heißt es:

 

„Mar. Stabsarzt DS II, Professor Dr. Forster, war vom 1.1.1915 bis 3.9.1918 als Oberarzt der Nervenabteilung des Marine-Kriegslazaretts II kommandiert. Im Frieden ist er Univ. Professor und an der Nervenklinik der Königl. Charité in Berlin tätig. Durch seine umfangreichen wissenschaftlichen Kenntnisse war er im Stande, auf der Abteilung wie auch bei Konsultationen u. als kriegsgerichtlicher Sachverständiger sehr erfolgreich sich zu betätigen. Persönlich energisch und lebhaft veranlagt, ließ er sich die Behandlung und Wiederherstellung der sogen. Kriegsneurotiker besonders angelegen sein, wobei er allerdings in manchen Fällen etwas schroff vorging, indem er den Maßstab eigener Willensstärke auch bei anderen anlegte. In den Kameradenkreisen war er wegen seines frischen, anregenden und liebenswürdigen Wesens beliebt. In den letzten Monaten las er nebendienstlich an der Genter Universität Vorlesungen über Gewebelehre. Im Laufe des Krieges wurde er außer der Reihe befördert und mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet. Gez. Dr. Heinrich Schmidt, Marine-Generaloberarzt und Chefarzt des Mar. Kriegslazaretts II.“ (Horstmann, Bernhard, ebenda)

 

Falls Prof. Dr. Forster Hitler nicht selbst traktiert haben sollte, werden seine Mitarbeiter nicht humaner gewesen sein.

 

 

Verstummt statt erblindet

Ernst Graf zu Reventlow, vor 1939
Ernst Graf zu Reventlow, vor 1939

Es gibt Hinweise in den Quellen, dass der "gasverwundete" Hitler nicht erblindet war, sonst hätte es in den Akten "Erblindung" geheißen und er wäre entsprechend in ein Lazarett für Augenkranke eingewiesen worden.

 

Vermutlich handelte es sich um ein neues Gas, das weniger die Augen als die Kehle und die Stimmbänder angreift. Er konnte also nicht reden und wurde verdächtigt, nur ein Simulant zu sein. Darum nach Pasewalk zum Nervenarzt Prof. Dr. Forster und nicht zu einem Augenarzt.

 

Kurt Lüdecke schreibt, dass ihm Ernst Graf zu Reventlow berichtet habe, Hitler wäre damals durch das Gas verstummt:

 

Reventlow had seen to it that we were near the speakers’ stand. I was close enough to see Hitler’s face, watch every change in his expression, hear every word he said.  When the man stepped forward on the platform, there was almost no applause. He stood silent for a moment. Then he began to speak, quietly and ingratiatingly at first. Before long his voice had risen to a hoarse shriek that gave an extraordinary effect of an intensity of feeling. There were many high-pitched, rasping notes - Reventlow had told me that his throat had been affected by war-gas - but despite its strident tone, his diction had a distinctly Austrian turn, softer and pleasanter than the German. (Ludecke, Kurt G.W.. I Knew Hitler) 

 

Kapp-Lüttwitz-Putsch

Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt am 13. März 1920 in Berlin
Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt am 13. März 1920 in Berlin

Konkreter Auslöser war am 29. Februar die Verfügung von Reichswehrminister Gustav Noske, die Marinebrigade Ehrhardt aufzulösen, da am 10. Januar 1920 der Versailler Friedensvertrag in Kraft getreten war, welcher das deutsche Heer auf 100.000 Mann sowie die Marine auf 15.000 Mann beschränkte. Dies bedeutete einen massiven Personalabbau der etwa 400.000 Mann starken Reichswehr von 1919, und die meisten der damaligen Freikorps sollten aufgelöst werden.

 

Während die Historiker nicht recht erklären wollen, welche Ziele der Putsch verfolgte, finden wir bei Ignaz Trebitsch-Lincoln eine glaubwürdige, weil logische Darstellung:

 

Helfferich und Ludendorff standen an der Spitze, und wenn es der General auch vermied, sich viel zu zeigen, so begann des Tages Arbeit doch damit, dass ihm zeitig vormittags der Rapport übergeben wurde. Dies geschah in der Viktoriastraße, wo er unter dem Namen „Charles Newmann“ unerkannt lebte. Bei diesen Rapporten waren Oberst Bauer,  Hauptmann Pabst und jetzt auch ich anwesend.

In ihrem Endziel wollte die Kapp-Verschwörung den Versailler Friedensvertrag umstoßen; sie konnte sich daher nicht auf Deutschland allein beschränken, sondern musste noch Hilfe im Ausland suchen.  Außer einer erfolgreichen Gegenrevolution im Reich bedurfte sie eines aktionsfähigen und marschwilligen Verbündeten. Hierfür war Sowjet-Russland in Aussicht genommen.

Die Verhandlungen mit der bolschewistischen Regierung wurden durch deren damaligen Berliner Vertreter, Viktor Kapp [richtig: Viktor Leont‘evič Kopp], geführt und gipfelten in einer Abmachung, in der ein gemeinsamer Aktionsplan vereinbart worden war. Die Grundzüge dieses Aktionsplanes bestanden darin, dass Russland während der in Deutschland durchzuführenden Gegenrevolution einen Krieg gegen Polen vom Zaun brechen sollte und mit der gesamten Heeresmacht über Polen an die deutsche Grenze marschierte. Hier sollte sich dann die Rote Armee mit der deutschen vereinigen und gemeinsam  mit den Deutschen an der Westgrenze aufmarschieren. 

Obwohl in diesen Abmachungen vereinbart war, dass Russland auf deutschem Boden keinerlei Agitation zugunsten der bolschewistischen Ideen entfalten dürfte, bestand natürlich doch die Gefahr, dass die Moskauer Machthaber diesen Punkt der Vereinbarungen missachten würden.

Zum Schutze gegen einen bolschewistischen Vertrauensbruch der Sowjet - Machthaber in Deutschland - also als Rückversicherung gegen den Sowjet-Verbündeten - standen die Kapp-Verschwörer mit den russischen Monarchisten in enger Verbindung. Als Verbindungsmann mit diesen fungierte der russische General Biskupski, der von der Kapp-Zentrale monatlich fünfzigtausend Mark für seine Zwecke erhielt. Zwischen der Kapp-Verschwörung und den russischen Monarchisten waren auch ganz formelle Abmachungen getroffen worden, die auf die Restaurierung der Monarchie in Russland abzielten. (Trebitsch-Lincoln, J.T.: Der größte Abenteurer des 20. Jahrhunderts! Die Wahrheit über mein Leben. Kapitel XX)

 

Trebitsch-Lincoln traf am Tag vor dem Zusammenbuch des Putsches als Pressesprecher der Putschisten auch auf Adolf Hitler, der zusammen mit Dietrich Eckart nach Berlin gesandt worden war, um für die Reichswehr in München Verbindung aufzunehmen.

 

Viktor Leont‘evič Kopp war im Juli 1919 illegal nach Deutschland eingereist und besuchte regelmäßig den im Moabiter Gefängnis deutsche Politiker, Militärs und Unternehmer empfangenden Karl Radek. Ein wichtiges Thema für die Verhandlungen Viktor Kopps war Polen:


Die polnische Politik verstärkte die Russland-Orientierung der militärischen und politischen Elite in Deutschland. Am 31. Januar 1920 schrieb der Chef der Heeresleitung, General Hans von Seeckt, in einem Brief an General Ewald von Massow, „unverbrüchliches“ Ziel der deutschen Ostpolitik sei „die politische und wirtschaftliche Vereinigung mit Großrussland“. Seeckt schlug vor, die Bolschewiki nicht an der Eroberung Polens, Litauens und Lettlands zu hindern ... (Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 2012 Heft 4, S. 534)

 

Die Darstellung durch Trebitsch-Lincoln wird dadurch bestätigt. Der Putsch scheiterte am Widerstand der Beamten und am Generalstreik. Er erfasste am Sonntag, dem 14. März, bereits vollständig Berlin und breitete sich am Montag über die ganze Republik aus. Es gab keinen Eisenbahnverkehr, in den Städten keine Straßenbahnen und Busse, keine Post, keine Telefonvermittlung, keine Zeitungen, alle Fabriken und alle Behörden waren geschlossen. In Berlin gab es nicht einmal mehr Wasser, Gas oder elektrisches Licht. Dieser Generalstreik führte zur völligen Lahmlegung der öffentlichen Versorgung und führte den Putschisten schnell die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens vor Augen. Er nahm ihnen jede Möglichkeit zu regieren.

 

Die gemeinsamen Pläne, mit Hilfe der Sowjets gegen Polen und die Franzosen und Engländer zu kooperieren, wurden von der Reichswehr weiter verfolgt.

 

Es war kein Zufall, dass die Bolschewiki im Sommer 1920 einen Goldvorrat in einer Bank in Reval [Tallinn] anlegten, das nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags der RSFSR mit Estland am 2. Februar 1920 zum Zentrum der ausländischen Finanzoperationen Sowjetrusslands 47 wurde. (VfZ, ebenda, S. 536)

 

Paramilitärische Parteiorganisationen

Bund Oberland
Bund Oberland

Nach dem Waffenstillstand und den Bestimmungen von Versailles erzielte die von den Siegermächten Frankreich und England angestrebte Demilitarisierung Deutschlands einen ganz entgegengesetzten Effekt: eine Militarisierung von Parteien und Gesellschaft. Die Soldaten der aufgelösten deutschen Armee wurden in Freikorps übernommen und kämpften im Osten gegen die polnische Freischärler in den umstrittenen Reichsgebieten.

 

Bald wurde der Druck durch Frankreich und England groß, die Freikorps aufzulösen. Man gründete nun Heimwehren und andere Wehrverbände mit den Soldaten aus den Freikorps. Junge Männer sollten paramilitärisch ausgebildet werden, weil die Wehrpflicht ja abgeschafft und durch die Siegermächte verboten war. Erst 1935 wurde nach 15 Jahren die Wehrpflicht wieder eingeführt.

 

Als im November 1921 die Freikorps aufgelöst wurden, bezeichnete sich das Freikorps Oberland im November 1921 als Bund Oberland e. V. und wurde im Dezember 1921 ins Vereinsregister eingetragen. Das offizielle Programm postulierte als Grundgedanken den Kampf gegen den Versailler Vertrag, die unbedingte Reichstreue und die Versöhnung aller Klassen und Schichten. Tatsächlich konzentrierte sich der Bund jedoch auf seine geheime Wehrarbeit. Auf dem Foto sind Erlanger Studenten im Bund Oberland bei einem Aufzug in Nürnberg 1923 zu sehen.

 

Es existierte also in Deutschland von 1919 bis 1934 keine Wehrpflicht. Über 15 Jahre lang verbot das Diktat der Siegermächte den Deutschens das in allen anderen Staaten so beliebte Rekrutenschinden in den Kasernenhöfen, bei dem die jungen Männer in wenigen Monaten ihr Vaterland zu hassen und nur den Spieß zu fürchten lernen, aber nicht den Feind, dem sie sich im Ernstfall gerne ergeben. An die Stelle des Rekrutenschindens trat in Deutschland die paramilitärische Ausbildung, durch die Schwarze Reichswehr organisiert und finanziert, getarnt als Heimatschutzvereine und nach deren Verbot als Parteiorganisationen, deren wahren Zweck man aber an den Namen wie "Sturmabteilung" noch erkennen konnte. Alle Parteien hatten von der Schwarzen Reichswehr organisierte paramilitärische Jugendorganisationen, nur bei der KPD nicht direkt von der Reichswehr organisiert, jedoch ab dem gemeinsamen Ruhrkampf gegen Franzosen und Belgier 1923 durchaus toleriert. 

 

Das hatte weitreichende politische und später militärische Auswirkungen. Denn in diesen Freiwilligenverbänden führten nicht sadistische Spieße das Kommando über die jungen Männer, sondern es waren eher wie bei den Pfadfindern abenteuerlustige Haufen von Kameraden, in denen die Liebe zum Vaterland erblühte und bald auch die Liebe der Männer wie Röhm. Dass es keine Klassenschranken und eine stark soziale Ausrichtung gab, war selbstverständlich, hier waren alle Kameraden. Bei Kriegsbeginn 1939 herrschte in der Wehrmacht nach 15 Jahren ohne Rekrutenschinden immer noch dieser Geist und viele taktischen Erfolge bis etwa 1942 sind nur damit zu erklären, dass selbständiges Handeln, Kameradschaft und die geduldete Missachtung falscher Befehle trotz der gewaltigen Unterlegenheit an Bewaffnung überraschende Erfolge möglich werden ließen.

 

Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold

Reichsbanner-Gau-Tag 1928
Reichsbanner-Gau-Tag 1928

Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, kurz Reichsbanner, war während der Weimarer Republik ein politischer Wehrverband zum Schutz der demokratischen Republik, heißt es auf Wikipedia und in den Geschichtsbüchern, weil die Geheimhaltung der paramilitärischen Tarnorganisationen der Schwarzen Reichswehr offensichtlich bis heute ein Anliegen unserer Historiker ist.

 

Die Machtergreifung Hitlers soll damit erklärt werden, dass seine "Sturmabteilung" wegen seiner tollen Reden im Jahr 1932 über 400.000 Mann verfügte, und nicht ein bewaffneter Haufen der Schwarzen Reichswehr war, mit dem Offizier Ernst Röhm an der Spitze und aus schwarzen Kassen finanziert. Der Aufstieg Hitlers soll uns ein Mysterium bleiben.

 

Anfang der 1930er-Jahre war das Reichsbanner mit nach eigenen Angaben ca. 3 Millionen Mitgliedern die größte demokratische Massenorganisation in der Weimarer Republik und hätte die Straßen beherrscht, wäre das von den Finanziers gewollt gewesen. Selbstverständlich brauchte es für die paramilitärischen Parteiorganisationen Geld, viel Geld, das aus den schwarzen Kassen der Schwarzen Reichswehr durch deren Geschäfte mit den Sowjets aus Moskau kam.

 

Dort wurde von Stalin entschieden, welcher Politiker welcher Partei schließlich die Macht übernehmen sollte. Genau das wollen die Historiker aus gutem Grund verbergen. Ohne Geld keine Macht.

 

 

Reichshammerbund

Die deutschen Sieben
Die deutschen Sieben

Der Reichshammerbund war eine völkische Vereinigung, die 1912 in Leipzig von dem Verleger und Autor Theodor Fritsch gegründet wurde.  Mit dem Reichshammerbund wollte Fritsch die verschiedenen deutschen völkisch-antisemitischen Gruppierungen des politischen Antisemitismus der Kaiserzeit zu einem Verband vereinen, es gab nämlich fast mehr antisemitische Vereine als aktive Mitglieder. Jedoch erzielte der Verband keine starke Anziehungskraft und blieb mit knapp 3000 Mitgliedern sogar nach dem Weltkrieg noch 1919 eine kleine Vereinigung mit rund 20 Ortsgruppen. Als Fachzeitschrift und Interessenvertretung für Kleinmüller gab Fritsch ab 1880 das Kleine Mühlen-Journal heraus, dessen Redakteur er zugleich war und das er später in Der Deutsche Müller umbenannte. Der Vertrieb dieses Blattes bildete in der Folgezeit seine finanzielle Grundlage, seine Schriften gegen die Juden blieben ein Zuschussgeschäft, bis plötzlich viel Geld dafür geflossen sein muss.

 

Wenn Adolf Hitler mit Reden gegen Juden Massen von Anhängern hätte gewinnen wollen, wäre es das falsche Thema gewesen. Nicht dass die Bürger etwas gegen Judenfeinde gehabt und über das Thema nachgedacht hätten, es hat sie einfach nicht interessiert. Die Bürger hockten im Wirtshaus und interessierten sich für Bier und Schnäpse, für Eisbein mit Sauerkraut und die Bedienung, für Sportvereine, Fischen, Jagen, Wandern und Kartenspielen oder Lotterielose. Fernsehen gab es noch nicht, auch kaum Radios, dafür die Kirchen, der evangelische Pastor schimpfte auf den Papst und die Katholen, der katholische Pfarrer machte Luther und die Evangelen für alles Unglückauf Erden verantwortlich, die Sozen schimpften auf die Ausbeuter, die Bürger auf die Kommunisten, die Leute plapperten einiges nach, aber wirklich interessierte es sie nicht, wenn sie sich nichts dafür kaufen konnten.

 

Niemand wollte wissen, wer für das Unglück auf Erden und die schlechte Politik verantwortlich ist, für Kriege, Krisen, Mord und Revolution. Jeder glaubte das, was die anderen um ihn herum gerade auch glaubten, waren es Kommunisten, war er es auch, beim Pfarrer in der Kirche glaubte man an Gott und im Wirtshaus machte man Witze. Ansonsten schaute jeder, wie er für sich Vorteile erzielen und es besser haben kann. Mehr wollte niemand wissen, damals wie heute.

 

Nein, für einen angehenden Politiker waren Juden kein vielversprechendes Thema, jedenfalls nicht beim Publikum, denen hätte er besser was über Fußball, Eintopf mit Würstel, Kartenspiele oder Witze über alte Weiber erzählt. Aber die Partei hatte Geld und die SA organisierte junge Männer für ihre paramilitärische Ausbildung durch ehemalige Offiziere. Ein junger Mann bekam vielleicht Beziehungen für einen guten Job, seine arme Familie eilte zu den großen Veranstaltungen, Freunde, Verwandte, jeder, der auch mal was erhoffte, und sei es nur eine Phantasieuniform der Partei statt seiner durchlöcherten Hosen und Schuhe. Eintopf gab es, genug Bier und einen Platz zum Schlafen, nicht zu vergessen die Reisen zu Parteitagen und Aufmärschen. Wer sonst nichts hatte, für den war es viel und die Verwandten füllten den Saal, den die Hundertschaften der jungen Männer vor politischen Gegnern schützten.

 

Woher kam das Geld und warum ausgerechnet dafür?

 

Putzi Hanfstaengls Reichstagsbrand

Reichstagsbrand
Reichstagsbrand

Falls jemand aus dem Umkreis Hitlers den Reichstag anzünden ließ, ist der Täter aus gutem Grund, eingeweihte Kreise kennen ihn ja, bisher noch nie öffentlich verdächtigt und zu seinen Lebzeiten beschuldigt worden, er wusste ja zuviel.

 

Wir dürfen annehmen, dass der Täter den Tag zuvor in der Umgebung Hitlers verbracht hat und am Abend in kleinstem Kreis mit ihm noch abschließend alles besprechen konnte:

 

It must be remembered that we were in the middle of a last great election campaign. On February 26 I accompanied Hitler on a wild twelve-hour plane flight during which he spoke at three widely separated cities. Late that evening we dined with Prince Viktor zu Wied and his wife at their home in the Kurfürstenstrasse. (Hanfstaengl, Ernst. Hitler: The Memoir of the Nazi Insider Who Turned Against the Fuhrer, S.200)

 

Vermutlich braucht er eine Flasche kräftigen Alkohols, um sich am nächsten Tag etwas Mut anzutrinken:

 

I could feel a cold coming on and before we left the Prince gave me a bottle of aquavit, with the advice to drink myself into a fever. (ebenda, S.200)

 

Unter einem Vorwand quartiert er sich für den ganzen nächsten Tag in Görings Amtssitz ein, Göring war Reichstagspräsident und sein Palast war durch einen unterirdischen Gang mit dem Reichstag verbunden. Die Flasche hebt er sich für den kommenden Tag auf:

 

I was so dog-tired that night that I did not start the cure, but the following afternoon I felt so shivery that I decided to go to bed in my room in Goering’s palace and sample the remedy. The Goebbels had invited me for later on, but I left a telephone message to excuse myself, put on a couple of old sweaters, piled the bed with blankets, ordered relays of hot lemonade to alternate with the medicine and settled down to sweat. We were all due to leave again for Breslau the next day, and I had to do something drastic. (ebenda, S.200-202)

 

Nur wer als Beteiligter Bescheid wissen muss, ist informiert, alle anderen brauchen ihre völlige Überraschung dann nicht vorzutäuschen, sie ist echt:

 

It was Brückner, or one of the adjutants, I do not remember: “The Führer insists that you come this evening to the Goebbels. He wants you to play the piano for him.” I explained rather tersely my position, said he had undone all the good work I had started, that I could not possibly come out with a feverish cold on me and that I was going back to my bed. I had just rearranged everything and was starting to warm up when the telephone shrilled again. This is too much, I thought, it can ring till it stops. It failed to do so, so I dragged myself next door again. This time it was Magda herself calling. I was ruining her whole party. I only had to wrap up and come along and sweat later, and so forth. I was suitably firm, took care to leave the ear-piece off its hook, and started my self-imposed régime all over again. (ebenda, S.202)

 

Der Täter schildert später in seinen Memoiren, wie er selbst durch das Feuer überrascht worden sei, er musste ja direkt am brennenden Reichstag sein, hatte aber genug Zeit, wieder durch den unterirdischen Gang in Görings Palast und dort in sein Bett zu kommen, es waren ja nur ein paar Meter:

 

I tried to doze, and slowly realized that there was too much light to do so in comfort. I had left the door to the other room open. You idiot, I groaned to myself, you have left the reading-lamp on at the desk. I tried counting sheep but it was no good. Moreover there was a curious quality about the light. It seemed to flicker and was penetrating into my bedroom from some other source than the open door. Suddenly Frau Wanda, the housekeeper, burst in: “Herr Doktor! Herr Doktor!” she screamed in her falsetto, “the Reichstag is on fire!” This time I was up in a bound, ran to the window, which faced across the square, and there, in very truth, was the whole building enveloped in flames.  (ebenda)

 

Außer Hitler musste auf der Party bei Goebbels niemand vorher etwas gewusst haben:

 

This time I did the telephoning and got Goebbels himself on the line: “I must talk to Herr Hitler,” I said. What was it all about, the little gnome wanted know, was it nothing I could tell him to pass on? In the end I lost patience: “Tell him the Reichstag is on fire.” “Hanfstaengl, is this one of your jokes?” Goebbels answered rather curtly. “If you think that, come down here and see for yourselves,” and I hung up. I then called Sefton Delmer and Louis Lochner. No sooner had I put the receiver down when the bell shrilled again. It was Goebbels back: “I have just talked to the Führer and he wants to know what is really happening. No more of your jokes now.” I lost my temper with him. “I tell you to come down here and see whether I am talking nonsense or not. The whole place is in flames and the fire-brigades are already here. I am going back to bed.” (ebenda)

 

Sefton Delmer war vom britischen MI6, offiziell ein Zeitungskorrespondent in Berlin, eng mit Hitler befreundet. Sefton Delmer traf sicher nicht zufällig noch vor Hitler, Goebbels und allen anderen am brennenden Reichstag ein und durfte, von Hitler zur Besichtigung eingeladen, mit in das Gebäude. Hanfstaengl erholte sich im Bett, wurde aber ständig durch Besucher gestört:

 

My room became like a railway station. Auwi came in, and then the Prince of Hesse. They were both staying in the palace. All I knew was that I was very annoyed at the ruin of my cure. “That’s the end of that gas-works, anyway,” I said. I suppose it was a callous remark, but I had always considered it an architectural abortion. The next day, of course, the Nazi newspapers came out with banner accusations that it was all the work of the Communists, and the notorious affaire was launched. (ebenda)

 

Selbstredend konnte Hanfstaengl in seinen Memoiren zur Aufklärung wenig beitragen, er war ja wegen schwerer Erkältung im Bett in Görings Palast:

 

I am afraid this anecdote provides little new evidence of value. It was suggested later that I was one of the people who knew the whole story. Not only did the outbreak catch me in bed with a fever, but neither I, nor any of the other guests, nor any of the servants were aware of, or had noticed, any activity in the house to substantiate the theory that Ernst and his S.A. arsonists had entered the Reichstag through a tunnel from our cellars. On the other hand, it was a large building, they may have had a key to the coal-hole and worked completely unnoticed. (ebenda)

 

Göring scheint ihm keine heiße Milch mit Honig ans Bett gebracht zu haben, darum sei zwar Goebbels ehrlich unwissend gewesen, aber Göring sei alles zuzutrauen:

 

The little doctor was, of course, an accomplished liar, but if ever annoyance and suspicion were genuine in a man’s voice, they were in his on the telephone that evening. For what the supposition is worth at this period of time, it would not surprise me in the least, on the strength of the evidence now available, that Goering planned the whole thing himself, necessarily with Hitler’s knowledge, as a means of wresting a piece of initiative from his hated rival, Goebbels. Whether Goering was in his palace that evening or not I have no idea. I did not see him. (ebenda, S.202-204)

 

Da Ernst Hanfstaengl 1922 vom US-Marinegeheimdienst zum Kontakt mit Hitler veranlasst worden war und sicher gut mit Sefton Delmer vom MI6 stand, wäre es möglich, dass die benötigten Helfer für die sicher nicht einfache Brandschatzung gar nicht von der SA in Berlin kamen, sondern vom US-Marinegeheimdienst oder dem MI6. Das könnte erklären, warum unsere Historiker bis heute keineswegs Hitler und seine Getreuen verdächtigen, sondern einen armen kranken jungen Mann als Einzeltäter. Wer schon mal die Briketts in einem Kohleofen anzünden musste, wird Marinus van der Lubbe sicher nicht verdächtigen, zu mehr fähig gewesen zu sein, als dann am Tatort herumzuirren.